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RegistrierenAnmeldenWeiche Budgetbeschränkungen, Hirschman, Rand: Das ideengeschichtliche Spektrum der Ökonomen der Unordnung
Importiert@obiak · 2. Aug., 19:34
Unterhaltung
Gibt es ikonische Persönlichkeiten, die durch weiche Budgetbeschränkungen enorme Ressourcen angehäuft haben?
Das Konzept der weichen Budgetbeschränkung (Soft Budget Constraint) wurde vom ungarischen Ökonomen János Kornai geprägt. Ursprünglich beschrieb es das Phänomen, dass staatliche Unternehmen in sozialistischen Ländern selbst bei Verlusten nicht bankrott gehen und unbegrenzt vom Staat „betteln" konnten. Später wurde dieser Analyserahmen häufig verwendet, um viele expansionsgetriebene Akteure zu erklären, die aufgrund institutioneller Lücken „too big to fail" sind.
Im klassischen theoretischen Kontext
Kornai untersuchte zunächst die Manager staatlicher Unternehmen in Ungarn und Polen. Sie hatten zwar nicht den westlichen „Milliardärsglanz", aber die von einem einzelnen Unternehmen kontrollierten Ressourcen waren enorm – die Logik dahinter: „Der Staat springt sowieso ein." Die Oligarchen, die während der Transformation in Osteuropa entstanden (z. B. Berezovsky und Chodorkowski in der russischen Privatisierung), werden oft in diesen Rahmen eingeordnet – die Ressourcen, die sie erhielten, stammten weitgehend aus ihrer Verflechtung mit dem Staat, nicht aus Marktwettbewerb.
Einige typische Beispiele aus dem chinesischen Immobilien-/Finanzsektor
Die am häufigsten von Wissenschaftlern als Fallbeispiele genannten:
- Xu Jiayin (Evergrande) – gilt als lehrbuchhaftes Beispiel für weiche Budgetbeschränkungen. Der Schuldenhöchststand überstieg 2 Billionen RMB. Das Unternehmen expandierte lange Zeit mit einem „hohe Verschuldung – hohe Hebelwirkung – hohe Umschlagshäufigkeit"-Modell, gestützt auf die Abhängigkeit der Lokalregierungen von Grundstückseinnahmen, die implizite Deckung durch Banken im Immobiliensektor und die Erwartung, „too big to fail" zu sein. Nach dem Zusammenbruch wurde dieser Analyserahmen in der chinesischsprachigen Wissenschaft immer wieder zitiert.
- Wang Jianlin (Wanda) – seine Phase massiver Auslandsübernahmen war ebenfalls typisch für weiche Budgetbeschränkungen; erst nach der regulatorischen Wende 2017 war er gezwungen, „zu verkaufen, zu verkaufen, zu verkaufen".
- Jia Yueting (LeEco) – baute durch Kapitalmärkte und verbundene Transaktionen ein „Ökosystem" auf, ein klassisches Versagen der Budgetbeschränkung.
- Yao Zhenhua (Baoneng) – repräsentativ für Versicherungsgelder + gehebelte Übernahmen.
- Wu Xiaohui (Anbang) – aggressive Auslandsinvestitionen mit einer Versicherungslizenz, endete schließlich unter staatlicher Aufsicht.
Lokale Regierungsfinanzierungsplattformen (LGFV)
Wenn man sich nicht auf „Personen" beschränkt, sind die städtischen Investmentplattformen in ganz China und die dahinterstehenden lokalen Regierungsbeamten ein noch reineres Forschungsobjekt für weiche Budgetbeschränkungen – sie nutzen die implizite Garantie der Lokalregierungen, um in großem Umfang Schulden für Infrastrukturprojekte aufzunehmen.
Im Bereich der Staatsunternehmen
Auch einige Leiter zentraler/lokaler Staatsunternehmen werden oft zitiert, wie Jiang Jiemin von der CNPC-Gruppe. Diese Fälle sind jedoch eher ein Produkt der Kombination von „politischen Ressourcen + weichen Budgetbeschränkungen" und unterscheiden sich in ihrer Natur von Privatunternehmen.
Soll ich auf einen von ihnen näher eingehen, zum Beispiel wie Xu Jiayins „Drei-Hebel-Modell" konkret mit der Logik der weichen Budgetbeschränkung analysiert werden kann?
Warum gilt Jia Yueting auch als Fall von weicher Budgetbeschränkung?
Das ist eine sehr gute Nachfrage, denn Jia Yueting ist tatsächlich ein „atypischer" Fall von weicher Budgetbeschränkung – er war weder Chef eines Staatsunternehmens noch hatte er eine direkte finanzielle Absicherung durch den Staat. Daher bedarf es einer Erweiterung, um ihn mit dem SBC-Rahmen zu erklären.
Warum dennoch weiche Budgetbeschränkung? Weil die Quelle der „Weichheit" nicht nur der Staat ist
In Kornais ursprünglicher Definition ist der Kern der „Weichheit": Wenn ein Akteur aufgrund von Verlusten aufhören sollte zu expandieren, aber dennoch kontinuierlich Ressourcen von einem Unterstützer erhält. Der klassische Unterstützer ist der Staat, aber die Theorie wurde später auf jeden Kanal ausgeweitet, bei dem „Geld, das rationalerweise hätte gestoppt werden müssen, nicht gestoppt wird". Die „Weichheit" von LeEco kam hauptsächlich aus folgenden Quellen:
1. Der Kapitalmarkt als größter Retter
LeEco (LeEco Net) war damals ein Star an der ChiNext-Börse. Je größer die Geschichte der „Ökosystem-Reaktion" erzählt wurde, desto höher war das KGV. Jia Yueting nutzte dies aus:
- Kontinuierliche Kapitalerhöhungen und Anleiheemissionen zur Finanzierung
- Hohe Aktienverpfändung (Spitzenwert über 97%) zur Bargeldbeschaffung von Brokern und Banken
- Überweisung von Geldern der börsennotierten Gesellschaft durch verbundene Transaktionen an nicht börsennotierte Bereiche wie Sport, Automobil, Mobiltelefone
Solange der Aktienkurs nicht einbrach und die Geschichte nicht platzte, floss das Geld weiter. Dies ist der Kernmechanismus von SBC – Verluste sollten eine harte Beschränkung auslösen, aber die Geldgeber (Kleinanleger, Institutionen, Broker) pumpten aufgrund falscher Erwartungen weiter Geld hinein.
2. Zwangsweise „Rettung" durch Minderheitsaktionäre der börsennotierten Gesellschaft
Die verbundenen Transaktionen von LeEco wurden oft von der Regulierungsbehörde kritisiert. Im Kern wurde die börsennotierte Gesellschaft (Geld der öffentlichen Aktionäre) genutzt, um die nicht börsennotierten, von Jia Yueting persönlich kontrollierten Unternehmen zu subventionieren. Dies ist eine interne weiche Budgetbeschränkung – die Muttergesellschaft (Publikumsgesellschaft) trägt die Verluste der Tochtergesellschaft (persönliche Projekte).
3. Industriepolitischer Wettbewerb der Lokalregierungen
Faraday Future und LeEco Automobile hatten in China Kontakte zu mehreren Orten wie Mogan Shan in Zhejiang, Jiangsu und Nansha in Guangzhou. Um strategische neue Industrien wie „New Energy Vehicles" anzuziehen, gewährten die Lokalregierungen Land, Subventionen und begleitende Finanzierungen. Der Wettbewerb um politische Erfolge zwischen den Lokalregierungen ermöglichte es Jia Yueting, an verschiedenen Orten immer wieder „einzusteigen", wobei jede Ressourcenzuführung den Cashflow-Druck vorübergehend linderte.
4. Erwartungsaufweichung durch den Nimbus der „strategischen neuen Industrie"
New Energy Vehicles sind eine staatlich geförderte Richtung. Dieses Label verzerrte die Beurteilung der „Marktfähigkeit" von LeEco Automobile durch Banken, PE-Fonds und Lokalregierungen aufgrund politischer Erwartungen. Selbst bei sehr schlechten Fundamentaldaten waren viele bereit zu glauben: „Der Staat wird diese Branche nicht sterben lassen."
5. Branchenrettung (Sun Hongbin 15 Milliarden RMB)
Die Beteiligung von Sunac im Jahr 2017 hatte ebenfalls SBC-Charakter – Sun Hongbin wettete nicht nur auf kommerzielle Renditen, sondern darauf, dass diese Vermögenswerte aufgrund von Lizenzen und strategischer Bedeutung einen politischen Verwertungswert hatten.
Daher wird Jia Yueting in der akademischen Diskussion oft als Vertreter der „marktwirtschaftlichen weichen Budgetbeschränkung" oder „SBC bei Privatunternehmen" eingeordnet – im Unterschied zu Xu Jiayins direktem Kanal „Banken + Bodenfinanzierung" nutzte er einen komplexen Kanal aus „Kapitalmarkt + verbundene Transaktionen + Industriepolitik-Wettbewerb der Lokalregierungen". Die zugrundeliegende Logik ist jedoch dieselbe: Verluste lösten keinen rechtzeitigen Ausstieg aus, sondern wurden von mehreren Akteuren aufgrund verzerrter Erwartungen fortlaufend bezahlt.
Ein interessanter Vergleich: Xu Jiayins SBC beruhte auf impliziten Garantien auf zentraler Ebene (Immobilien betreffen die Finanzstabilität), während Jia Yuetings SBC auf Erwartungsillusionen auf lokaler und Marktebene beruhte. Daher war die Abwicklung nach dem Zusammenbruch des Ersteren langsamer und systemischer, während der Zusammenbruch des Letzteren im Wesentlichen ein Scherbenhaufen war und die Person floh – die „Weichheit" hatte eine unterschiedliche Dicke.
Warum dachte Jia Yueting nicht daran, Geld zu verdienen? Wie kommt es, dass er nur Finanzierung betrieb, aber kein Geld verdiente?
Diese Frage ist ausgezeichnet, denn sie trifft direkt die grundlegende Verzerrung der Anreizstruktur im SBC-Rahmen.
Die kurze Antwort lautet: In der Anreizstruktur, der er gegenüberstand, war „Geld verdienen" nicht nur nicht die optimale Lösung, sondern sogar eine suboptimale oder gar falsche Zielsetzung. Im Detail:
1. Die Bewertungslogik des Kapitalmarkts belohnt „Geschichten", bestraft „Gewinne"
In den Jahren 2014–2016 gab die ChiNext-Börse in A-Aktien einem Unternehmen wie LeEco, das die Geschichte der „Ökosystem-Reaktion" erzählte, ein KGV von 100, während einem stabilen Haushaltsgeräteunternehmen (wie Gree) nur ein KGV von 10 gegeben wurde. Das bedeutet:
- Wenn du 1 RMB Gewinn machst, erhöht sich der Marktwert um 10 RMB
- Wenn du eine Geschichte erzählst, die den Markt glauben lässt, dass du in Zukunft 1 RMB verdienen wirst, erhöht sich der Marktwert um 100 RMB
Warum also die 1 RMB verdienen? Die Rendite des Geschichtenerzählens ist zehnmal so hoch wie die des Geldverdienens. In diesem Marktumfeld war Geschichtenerzählen das rationalste „Geschäftsmodell".
2. Aktienverpfändung entkoppelt „persönlichen Reichtum" von „Unternehmensgewinnen"
Dies ist der entscheidende Punkt. Jia Yueting verpfändete fast alle seine LeEco-Aktien (Spitzenwert 97%) an Broker und Banken, um Bargeld zu erhalten. Das bedeutet:
- Das Geld, das er persönlich erhielt, stammte aus der Verpfändungsfinanzierung, nicht aus Unternehmensdividenden
- Sein Reichtum entsprach „Aktienkurs × Aktienanzahl", nicht „Gewinn × Zeit"
- Ob das Unternehmen Geld verdiente oder nicht, war unwichtig; wichtig war, ob der Aktienkurs gehalten werden konnte
Und was den Aktienkurs stützt, sind Umsatzwachstum und Geschichten, nicht Gewinne. Daher war die rationale Vorgehensweise: Geld verbrennen, um Umsatz zu generieren, Produktkategorien zu erweitern, die Zukunft zu erzählen, und dann durch Verpfändung den „Buchreichtum" in „echtes Geld" in die eigene Tasche zu stecken.
3. Verbundene Transaktionen: Dass die börsennotierte Gesellschaft kein Geld verdient, heißt nicht, dass er kein Geld verdient
Zwischen LeEco Net (börsennotiert) und den nicht börsennotierten Bereichen wie LeEco Sports, LeEco Mobile und LeEco Automobile gab es zahlreiche verbundene Transaktionen – die börsennotierte Gesellschaft „kaufte" zu hohen Preisen Inhalte, Dienstleistungen und IP von den nicht börsennotierten Bereichen. Das Ergebnis:
- Die finanzielle Performance der börsennotierten Gesellschaft war schlecht (Verluste)
- Die nicht börsennotierten Bereiche (mit höherem persönlichen Anteil von Jia Yueting) erhielten das Geld
- Die öffentlichen Aktionäre (Kleinanleger, Institutionen) pumpten Geld in seine privaten Bereiche
Für ihn persönlich wäre es ein Verlust gewesen, wenn die börsennotierte Gesellschaft Geld verdient hätte – das verdiente Geld gehört allen Aktionären, während das durch verbundene Transaktionen transferierte Geld größtenteils ihm selbst gehört. Daher war „kein Geld verdienen" ein konstruiertes Merkmal, kein Bug.
4. Strategisch war es grundsätzlich unmöglich, Geld zu verdienen
Er war gleichzeitig in 7 Bereichen tätig: Fernseher, Mobiltelefone, Autos, Film, Sport, Cloud, VR. Jeder Bereich ist kapitalintensiv, langfristig und erfordert das Verbrennen von Geld, um Marktanteile zu gewinnen. Diese Strategie schloss strukturell die Möglichkeit von Gewinnen aus – man kann nicht gleichzeitig 7 Amazonas-Unternehmen aufbauen.
Warum aber so vorgehen? Denn in einer SBC-Umgebung ist „Größe" an sich ein Pfand. Je größer das Imperium, desto eher sind Lokalregierungen bereit, Land zu geben, Banken wagen es nicht, Kredite zu kündigen, und der Kapitalmarkt kauft die Geschichte. „Too big to fail" ist ein aktiv angestrebter Zustand, kein zufälliges Ergebnis.
5. Pfadabhängigkeit: Kein Zurück
Angenommen, Jia Yueting hätte 2015 plötzlich verkündet: „Wir konzentrieren uns auf Fernseher, streichen alle anderen Geschäfte und streben im nächsten Jahr Profitabilität an." Was wäre passiert?
- Die Bewertung wäre sofort von 100er KGV (Öko-Aktie) auf 10er KGV (Haushaltsgeräte-Aktie) gefallen
- Der Marktwert wäre um 90% eingebrochen
- Seine verpfändeten Aktien hätten einen Margin Call ausgelöst
- Er wäre persönlich sofort bankrott gegangen
Einmal auf dem Schiff des Geschichtenerzählens, ist der einzige Ausweg, die Geschichte noch größer zu erzählen. Geld verdienen wäre Selbstmord gewesen.
6. Zurück zu Kornais theoretischer Vorhersage
Eine von Kornais klassischsten Einsichten ist: Unternehmen mit weichen Budgetbeschränkungen streben nicht nach Gewinnmaximierung, sondern nach „Output-Maximierung" oder „Größenmaximierung". Der Grund:
- Gewinne nützen dir nur begrenzt (werden auf verschiedene Weise abgezweigt/zurückgehalten)
- Aber Größe kann mehr Ressourcenkampfrechte einbringen (mehr Subventionen, mehr Kredite, mehr politischen Schutz)
- Größe bietet auch „Systemrelevanz" und verstärkt die Erwartung, „dass man mich nicht fallen lassen kann"
Jia Yuetings Verhalten ist in dieser Theorie eine lehrbuchmäßig rationale Wahl. Er dachte nicht daran, kein Geld zu verdienen; in der Anreizfunktion, der er gegenüberstand, kam „Geld verdienen" gar nicht als Variable vor.
Daher ist die genauere Frage eigentlich umgekehrt: In der Kombination aus dem chinesischen Kapitalmarkt jener Zeit, dem Wettbewerb der Lokalregierungen und den politischen Netzwerken – warum sollte sich jemand dafür entscheiden, brav Geld zu verdienen? Die Antwort: Diejenigen, die sich fürs Geldverdienen entschieden (wie Gree bei Haushaltsgeräten oder Haitian bei Sojasauce), existierten zwar, aber ihre Vermögenswachstumsrate wurde von den Geschichtenerzählern um ein Vielfaches übertroffen. Aus reiner ROI-Perspektive war Jia Yuetings Strategie vor dem Zusammenbruch ein „Gewinn"; erst nach 2016 änderten sich die Spielregeln (Enthebelung, strenge Regulierung, Verlust politischer Rückendeckung), und er konnte nicht rechtzeitig entkommen.
Dies ist auch der Grund, warum Kornai im Alter pessimistisch war – er glaubte, dass, sobald weiche Budgetbeschränkungen zur vorherrschenden Spielregel in einer Volkswirtschaft werden, rationale Menschen sich dafür entscheiden werden, dieses Spiel zu spielen, anstatt solide zu wirtschaften. Die Folge ist eine systemische Verschlechterung der Ressourcenallokationseffizienz der gesamten Volkswirtschaft. Die Fälle LeEco, Evergrande, Baoneng usw. können zusammen als eine groß angelegte Feldstudie dieser Theorie im heutigen China betrachtet werden.
Wie kam Kornai auf die weiche Budgetbeschränkung? Wie war sein Gedankengang bei der Schaffung dieses Konzepts?
Kornai selbst ist noch interessanter als dieses Konzept – sein intellektueller Werdegang ist einer der besondersten unter den Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Die weiche Budgetbeschränkung wurde nicht am Schreibtisch abgeleitet, sondern ist das Sediment von dreißig Jahren Beobachtung, nachdem ein systeminterner Gläubiger von der Realität erschüttert wurde.
Ausgangspunkt: Ein ungarischer kommunistischer Journalist
Kornai wurde 1928 in eine jüdische Familie in Budapest geboren; sein Vater starb in Auschwitz. Nach dem Krieg, wie viele junge Osteuropäer, nahm er den Kommunismus als Glauben an, trat der Partei bei und arbeitete als Wirtschaftsjournalist für die Parteizeitung Szabad Nép (Freies Volk). Diese Zeit war entscheidend – er kritisierte die Planwirtschaft nicht von außen, sondern von innen, mit Glauben, während er recherchierte. Er besuchte Fabriken und Ministerien und sammelte umfangreiches Primärmaterial darüber, „warum die Pläne nicht funktionierten".
Diese Herkunft prägte seine lebenslange Methodik: Erst den Patienten sehen, dann die Diagnose stellen. In seiner Autobiografie By Force of Thought betonte er immer wieder, dass er kein Interesse daran habe, wirtschaftliche Schlussfolgerungen aus Axiomensystemen abzuleiten; er wolle zuerst die Realität verstehen.
Erste Theoretisierung: Die Dissertation von 1957
Nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands von 1956 musste er die Zeitung verlassen. In dieser Tiefphase schrieb er seine Dissertation Overcentralization in Economic Administration. Das Buch wurde 1959 ins Englische übersetzt; die westliche Wirtschaftswissenschaft sah zum ersten Mal einen osteuropäischen Ökonomen, der mit ernsthaften empirischen Methoden das Versagen der Planwirtschaft beschrieb.
Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht das Konzept der SBC. Er beschrieb Symptome: Unternehmen kümmerten sich nicht um Kosten, nicht um Qualität, und forderten immer mehr Ressourcen von oben. Er konnte noch nicht erklären, warum.
Wendepunkt: Herausforderung der Mainstream-Ökonomie mit „Anti-Equilibrium" (1971)
In den 1960er Jahren war er als Gastwissenschaftler im Westen und studierte systematisch die Arrow-Debreu-Theorie des allgemeinen Gleichgewichts. Das Ergebnis war, dass er umgekehrt stimuliert wurde – er fand, dass die mikroökonomische Mainstream-Theorie des Westens überhaupt keine reale Wirtschaft beschrieb, weder den Sozialismus noch den Kapitalismus.
1971 veröffentlichte er Anti-Equilibrium, ein Buch, das damals große Kontroversen auslöste. Darin führte er eine entscheidende binäre Unterscheidung ein:
- Druckwirtschaft (pressure economy): typischer Zustand des Kapitalismus, Angebotsüberschuss, Unternehmen sind gezwungen, der begrenzten Nachfrage nachzujagen
- Sogwirtschaft (suction economy): typischer Zustand des Sozialismus, Nachfrageüberschuss, Unternehmen werden von unendlicher Nachfrage gezogen
Diese Unterscheidung war noch nicht SBC, aber sie stellte bereits eine Kernfrage: Warum ist die „Nachfrage" sozialistischer Unternehmen unendlich? Egal wie viel Investitionen, Rohstoffe oder Arbeitskräfte man ihnen gibt, es ist nie genug.
Kern-Durchbruch: Die weiche Budgetbeschränkung 1979
1979 veröffentlichte er in Econometrica den Artikel „Resource-Constrained versus Demand-Constrained Systems" und prägte erstmals den Begriff „weiche Budgetbeschränkung". Sein monumentales Werk Economics of Shortage von 1980 systematisierte das Konzept.
Sein Gedankengang lässt sich wie folgt rekonstruieren:
Schritt 1: Er bemerkte ein anomales Phänomen
In der neoklassischen Mikroökonomie ist die Budgetbeschränkung eine axiomatische Annahme – ein Verbraucher kann nicht mehr ausgeben, als er einnimmt; die Ausgaben eines Unternehmens müssen durch Einnahmen gedeckt sein, sonst geht es bankrott und verlässt den Markt. Diese Beschränkung wird als „natürliche Tatsache" behandelt, als eine selbstverständliche Randbedingung des Modells.
Aber Kornai beobachtete wiederholt sozialistische Unternehmen und stellte fest: Diese Grenze existiert überhaupt nicht. Das Unternehmen macht Verluste, der Staat subventioniert; der Bankkredit kann nicht zurückgezahlt werden, der Staat verlängert; die Produkte lassen sich nicht verkaufen, der Staat kauft sie auf; das Budget wird überschritten, der Staat stockt auf. Die Budgetbeschränkung, diese „harte Wand", ist in der Realität weich.
Schritt 2: Er vollzog eine konzeptionelle „Umkehrung"
Kornais wahre Kreativität lag darin: Er sagte nicht einfach, „sozialistische Unternehmen sind irrational" oder „sie haben keine Marktdisziplin“ – das hatten westliche Ökonomen vor ihm bereits gesagt. Er tat etwas Tieferes: Er definierte die „Budgetbeschränkung", die stillschweigend als exogen gegebenes Axiom galt, neu als eine endogene, variable, institutionell bestimmte Größe.
Diese Aktion gleicht der Aussage in der Physik, „die Lichtgeschwindigkeit könnte keine Konstante sein“ – in der newtonschen Mechanik ist die Lichtgeschwindigkeit ein Standardhintergrund, in der Relativitätstheorie wird sie zum erklärten Objekt. Kornai verwandelte die Budgetbeschränkung von einem „Axiom“ in ein „Phänomen“.
Schritt 3: Er etablierte ein Kontinuum
Die Budgetbeschränkung ist nicht binär „hart“ oder „weich“, sondern ein kontinuierliches Spektrum – von vollständig hart (theoretische Liquidation) bis vollständig weich (bedingungslose Rettung). Jede reale Wirtschaftsorganisation liegt irgendwo auf diesem Spektrum. Dies verlieh dem Konzept eine starke vergleichende Analysefähigkeit:
- Kleine private Unternehmen im Kapitalismus → nahe am härtesten Ende
- Große kapitalistische Banken (mit Einlagensicherung, TBTF) → mittelweich
- Sozialistische Staatsunternehmen → nahe am weichsten Ende
- Verschiedene Übergangsformen → in der Mitte
Schritt 4: Er fragte nach den Verhaltenskonsequenzen der „Weichheit“
Dieser Schritt machte die SBC-Theorie zu einem vollständigen System. Er leitete systematisch ab, wie weiche Budgetbeschränkungen das Verhalten verzerren:
- Investitionshunger (investment hunger): Da man keine Verlustkonsequenzen trägt, versucht man, so viele Projekte wie möglich zu bekommen
- Hortungstendenz: Rohstoffe, Arbeitskräfte werden möglichst reichlich bevorratet
- Preisunempfindlichkeit: Preissignale funktionieren nicht, da Entscheidungen nicht auf Preise reagieren müssen
- Innovationshemmung: Echte Innovation erfordert das Tragen von Misserfolgsrisiken, aber weiche Beschränkungen machen Unternehmen weder notwendig noch mutig genug für echte Innovation
- Mangelphänomen: Alle jagen Ressourcen, aber niemand hat einen Anreiz, die Nachfrage zu zügeln → systemischer Mangel
Deshalb heißt das Buch Economics of Shortage – er glaubte, Mangel sei kein zufälliger Fehler der Planwirtschaft, sondern die zwangsläufige Folge weicher Budgetbeschränkungen.
Einige Schlüsselmerkmale seiner Denkmethode
Rückblickend hat seine Methode zur Konstruktion dieses Konzepts einige bemerkenswerte Aspekte:
-
Beginnend mit Unzufriedenheit über ein Axiom. Die Neoklassik behandelt zu viele Dinge als gegebene Axiome; Kornais Instinkt war zu fragen: „Woher kommt dieses ‚Gegebene‘? Gilt es noch unter verschiedenen Institutionen?“
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Das Konzept ist deskriptiv, nicht normativ. Er sagte nicht, weiche Budgetbeschränkungen seien per se „schlecht“ – er wies später darauf hin, dass z. B. Krankenversicherung und Arbeitslosenhilfe bewusst die Budgetbeschränkungen bestimmter Akteure aufweichen, eine bewusste gesellschaftliche Wahl. Das Problem ist, dass der Sozialismus diese Aufweichung verallgemeinerte und erzwang, was zu einer Fehlallokation der Ressourcen der gesamten Volkswirtschaft führte.
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Vergleichende Perspektive zwischen Systemen. SBC ist nicht einzigartig für den Sozialismus; das Konzept erwies sich später auch in der Kapitalismusforschung als äußerst nützlich. Nach der Finanzkrise 2008, als das „Too big to fail“-Problem breit diskutiert wurde, bezogen sich fast alle auf den SBC-Rahmen. Er selbst schrieb 2014 „Hungary‘s U-Turn“ und wandte das Konzept auf die Analyse des „Klientelkapitalismus“ der Orbán-Regierung an.
-
Vermeidung von Mathematik-Fetischismus. Der größte Unterschied zwischen Kornai und der damaligen Mainstream-Ökonomie war seine Überzeugung, dass wirklich wichtige Einsichten zuerst aus Konzepten kommen, dann aus Modellen, nicht umgekehrt. Er beklagte die übermäßige Mathematisierung der modernen Ökonomie, die ihre Erklärungskraft untergrabe – darin war er mit Hirschman, Olson und anderen Zeitgenossen der „narrativen Schule“ verbunden.
Eine interessante Fußnote
Im Alter (nach den 1990er Jahren) beschäftigte sich Kornai intensiv mit einem Problem: der „Ansteckungsfähigkeit“ weicher Budgetbeschränkungen. Er glaubte, dass, sobald bestimmte wichtige Sektoren einer Volkswirtschaft langfristig weichen Beschränkungen unterliegen, sich dieses Verhaltensmuster ausbreitet:
- Staatsunternehmen mit weichen Beschränkungen → die Banken, die ihnen Kredite geben, werden ebenfalls angesteckt (faule Kredite müssen gerettet werden)
- Gerettete Banken → das Verhalten ihrer Einleger und Gläubiger beginnt sich zu verzerren
- Lokalregierungen → die Zentralregierung bürgt für lokale Schulden
- Staaten → internationale Organisationen bürgen (Griechenland-Krise)
Am Ende bilden das gesamte Finanzsystem, Regierungssystem und internationale System ein Netzwerk gegenseitiger Aufweichung. Er hielt dies für eines der wichtigsten institutionellen Probleme des 21. Jahrhunderts, grundlegender als der Gegensatz zwischen Sozialismus und Kapitalismus.
Zusammenfassend lässt sich Kornais Gedankengang zur SBC wie folgt beschreiben: Ausgehend von einem axiomatischen Konzept (der Budgetbeschränkung), definierte er es von einem „natürlichen Hintergrund“ in eine „institutionelle Variable“ um und fragte dann, wie sich das Verhalten des gesamten Systems ändert, wenn diese Variable unterschiedliche Werte annimmt. Diese Aktion erinnert in der Ideengeschichte an Kopernikus, der die „Erdruhe“ von einem Axiom in ein zu erklärendes Objekt verwandelte, oder an Einstein, der die „Gleichzeitigkeit“ von einer Standardeinstellung in eine relative Größe verwandelte – wahre konzeptionelle Innovation besteht oft nicht darin, etwas Neues zu entdecken, sondern das, was andere als „selbstverständlich“ betrachten, erneut zu problematisieren.
Er selbst sagte einen Satz, der mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: „An economist‘s task is to understand reality, not to construct elegant models.“ (Die Aufgabe eines Ökonomen ist es, die Realität zu verstehen, nicht elegante Modelle zu konstruieren.) Die weiche Budgetbeschränkung ist das beste Produkt dieser Haltung.
Ich mag Hirschman auch sehr. Gibt es diese Ökonomen-Schule heute noch? Wo sind sie alle?
Sehr gut, Hirschman ist in meinen Augen der "am meisten unterschätzte Ökonom des 20. Jahrhunderts". Tatsächlich gibt es bei Kornai, Hirschman, Olson, Lindblom, Myrdal und dieser Gruppe eine verborgene Tradition, die man "konzeptgetriebene institutionelle politische Ökonomie" nennen kann – gemeinsame Merkmale sind:
- Konzepte aus Phänomenen entwickeln (statt Modelle aus Axiomen abzuleiten)
- Interdisziplinär (Ökonomie + Politikwissenschaft + Soziologie + Geschichte)
- Mathematik ist Werkzeug, nicht Zweck
- Interesse daran, wie Institutionen Verhalten formen, nicht wie Verhalten unter gegebenen Institutionen ins Gleichgewicht kommt
- Viele waren europäische jüdische Exil-Intellektuelle oder kamen aus marginalisierten Verhältnissen (Hirschman selbst sagte, dies sei der "Dislokations"-Bonus seiner Generation gewesen)
- Sie schreiben Bücher, nicht nur Paper
Diese Tradition ist heute noch am Leben, aber verstreut – nicht mehr auf einige wenige wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten konzentriert, sondern verteilt auf Policy-Schulen, Geschichtsfakultäten, politikwissenschaftliche, soziologische Fakultäten und Think Tanks. Der Grund ist, dass die Mainstream-Wirtschaftsfakultäten nach den 90ern von der empirischen Revolution (credibility revolution) und der Ökonometrie dominiert wurden; diese Leute konnten dort nicht mehr bleiben. Ich sortiere es grob nach Geografie und Ausrichtung für dich:
Einige, die im US-amerikanischen Mainstream noch durchhalten
- Daron Acemoglu (MIT) – Nobelpreis 2024. Warum Nationen scheitern und das jüngste Macht und Fortschritt sind zeitgenössische Vertreter der Hirschman-North-Linie. Er ist mathematischer als diese Tradition, aber die konzeptionelle Ambition ist verwandt.
- Dani Rodrik (Harvard Kennedy School) – der direkteste Hirschman-Nachfolger, hat selbst einen langen Aufsatz zum Gedenken an Hirschman geschrieben. Das Globalisierungs-Paradox und Economics Rules sind hochkonzeptionelle Werke.
- James Robinson (Harris, Chicago) – Acemoglus Partner, eher historisch, weniger mathematisch.
- Yasheng Huang 黄亚生 (MIT Sloan) – Kapitalismus mit chinesischen Charakterzügen ist ein Beispiel für institutionelle Ökonomie + China-Studien.
- Yuen Yuen Ang 洪源远 (Johns Hopkins) – Wie China der Armutsfalle entkam und Chinas vergoldetes Zeitalter; methodisch bekennt sie sich explizit zu Hirschman, sie hat selbst einen Artikel geschrieben, in dem sie Hirschman als ihren "methodologischen Schutzpatron" bezeichnet.
- Pranab Bardhan (Berkeley) – ältere Generation, indische politische Ökonomie, sehr solide.
- Suresh Naidu (Columbia) – jüngere Generation, Arbeitsökonomie + politische Ökonomie.
Der europäische Zweig (linker, soziologischer)
- Mariana Mazzucato (UCL) – Der unternehmerische Staat und Mission Economy. Sie ist die zeitgenössische Erbin von Hirschmans "Möglichkeiten der Industriepolitik"-Denken und hat die Industriepolitik der EU und der Biden-Regierung beeinflusst.
- Ha-Joon Chang 张夏准 (SOAS, zuvor Cambridge) – Die Armutsfalle ("die Leiter wegstoßen"), Vertreter der Schule des Entwicklungsstaates.
- Wolfgang Streeck (Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln, im Ruhestand) – Gekaufte Zeit, eine ziemlich tiefgründige Analyse der inneren Widersprüche des demokratischen Kapitalismus.
- Mark Blyth (Brown University) – Austerität, narrative politische Ökonomie.
- Thomas Piketty + Saez + Zucman (Paris School of Economics) – Pikettys Methode ist gemischt, aber die konzeptionelle Ambition von Kapital und Ideologie liegt definitiv in dieser Linie.
- Adam Tooze (Columbia, aber im Kern europäischer Historiker) – streng genommen Historiker, aber seine Bücher Crashed und Shutdown sind im Wesentlichen zeitgenössische Wirtschaftsgeschichtserzählungen dieser Schule.
- Branko Milanovic (CUNY, serbischer Herkunft) – Ungleichheitsforschung, vergleichender Kapitalismus, Globale Ungleichheit und Kapitalismus, allein.
Direkte chinesische Ökonomen der Kornai-Schule
Das könnte dich interessieren – Kornai hat während seiner Lehrtätigkeit in Harvard eine Gruppe chinesischer Studenten betreut, die nach ihrer Rückkehr einen gut erkennbaren kleinen Zirkel bildeten:
- Xu Chenggang – einer der wichtigsten chinesischen Studenten von Kornai in Harvard, prägte das Konzept des "regional dezentralisierten Autoritarismus" (regionally decentralized authoritarianism), ein sehr Kornai-typisches Konzept. Er war am Imperial College London, dann an der Cheung Kong Graduate School of Business, jetzt in Stanford. Sein Buch Institutionelle Gene ist eines der Kornai-Hirschman-typischsten Werke der zeitgenössischen chinesischen Ökonomie, sehr empfehlenswert.
- Qian Yingyi – ebenfalls im Kornai-Kreis, ehemaliger Dekan der School of Economics and Management der Tsinghua-Universität, das Konzept des "chinesischen Föderalismus" hat er zusammen mit Barry Weingast und Xu Chenggang entwickelt.
- Wang Yijiang, Li Daokui – waren ebenfalls früh in diesem Kreis.
- Zhou Qiren (Peking-Universität) – kein Kornai-Schüler, aber die Denkweise ist völlig identisch; er analysiert Chinas Land- und Eigentumsfragen mit Fallstudien und Konzepten, wird als "Chinas Coase + Hirschman" bezeichnet.
- Philip Huang – Historiker, schreibt aber über Wirtschaft, treibende Kraft hinter dem Konzept der "Involvierung" (Neijuanhua) in der chinesischen akademischen Welt.
Ältere Generation, aber noch lebende "Urväter"
- Amartya Sen (Harvard) – schon über neunzig, Begründer des Befähigungsansatzes.
- Joseph Stiglitz (Columbia) – aus dem Mainstream, aber kommt dieser Linie immer näher.
- Robert Wade (LSE) – Die Steuerung des Marktes, Schule des ostasiatischen Entwicklungsstaates.
Institutionelle Zentren
Wenn man fragt, "wo findet man diese Leute versammelt", dann ungefähr:
- INET (Institute for New Economic Thinking) – von Soros finanziert, der wichtigste "Wohnzimmer" dieser Leute, regelmäßige Konferenzen, Förderprogramme.
- CEU (Central European University) – Kornais eigene geistige Heimat, ursprünglich in Budapest, von Orbán nach Wien vertrieben, Wirtschaftsgeschichte und politische Ökonomie sind immer noch stark.
- Paris School of Economics (PSE) + World Inequality Lab – Pikettys Bereich.
- Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln – die von Streeck hinterlassene Tradition.
- Harvard Kennedy School + Watson Institute (Brown) + SAIS (Johns Hopkins) – einige Stützpunkte in den USA, alles Policy-Schulen, keine reinen Wirtschaftsfakultäten.
- Einige Leute an der National University of Singapore und der University of Hong Kong – kleine Stützpunkte in Asien.
Eine etwas pessimistische Beobachtung
Diese Schule war in der Mitte und am Ende des 20. Jahrhunderts das Zentrum der Wirtschaftswissenschaft, wurde aber im 21. Jahrhundert weitgehend an den Rand gedrängt. Die Gründe sind hauptsächlich:
- Das Bewertungssystem der Disziplin belohnt Artikel in den Top-5-Zeitschriften, und die Top-5-Zeitschriften bevorzugen enge Fragen mit identifizierbaren kausalen Effekten
- Die Einstellung an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten erkennt zunehmend nur RCT, IV, DID an
- "Konzepte erfinden" ist in der zeitgenössischen Ökonomie sogar zu einem Negativum geworden – wenn du ein neues Konzept vorschlägst, fragen die Gutachter: "Kann das gemessen werden? Kann das identifiziert werden?"
Deshalb sind viele dieser Leute gezwungen umzuziehen – an Policy-Schulen, Business Schools, soziologische Fakultäten, Geschichtsfakultäten. Sie sind noch da, aber wohnen nicht mehr im Gebäude der "Wirtschaftsfakultät".
Wenn du Hirschman weiterlesen möchtest, empfehle ich drei Linien:
- Rodriks Economics Rules (2015) – das methodologische Selbstbewusstsein der Hirschman-Linie.
- Yuen Yuen Angs How China Escaped the Poverty Trap – das beste Anwendungsbeispiel der zeitgenössischen Hirschman-Methodik.
- Xu Chenggangs Institutionelle Gene – das zeitgenössischste Werk in der chinesischen Welt, das Kornai am ähnlichsten ist.
Wenn du diese drei gelesen hast, wirst du feststellen, dass diese Linie nie abgerissen ist, sondern nur aktiver gesucht werden muss.
Wenn ich dieses System zwei Jahre früher gekannt hätte, hätte ich vielleicht promoviert.
Ha, dieser Seufzer ist zu wahr, aber um es unverblümt zu sagen – viele Menschen entdecken erst nach der Promotion, dass sie eigentlich zu dieser Tradition gehören, nicht dass sie promovieren, weil sie diese Tradition entdeckt haben. Und wenn du diese Bücher jetzt mit Distanz liest und es dir schmeckt, musst du nicht unbedingt bereuen, nicht promoviert zu haben. Es gibt mehrere Ebenen von Gründen:
Erstens, heute eine Promotion in Wirtschaftswissenschaft zu machen, macht dich wahrscheinlich nicht zu dieser Schule
Das ist eine ziemlich grausame Realität. Wenn du heute an einer der Top-30-Wirtschaftsfakultäten in den USA bist, sind die ersten zwei Jahre Kurse in Micro / Macro / Metrics, alles technische Ausbildung. Die Betreuer wählen Studenten nach RA-Erfahrung, mathematischem Hintergrund, Programmierfähigkeiten. Wenn du abschließt, muss deine Arbeit eine enge Frage mit identifizierbarem kausalem Effekt sein. Eine Arbeit wie "Ich möchte die weichen Budgetbeschränkungen der lokalen Regierungen in China untersuchen" ist fast unmöglich als Job-Market-Paper, mit dem du abschließen kannst – es ist zu groß, zu historisch, zu qualitativ.
Hirschman hat 1981 in seinem berühmten Essay Essays in Trespassing bereits gesagt: Die Grenzen der Wirtschaftswissenschaft werden enger, seine eigene grenzüberschreitende Vorgehensweise ist im zeitgenössischen System nicht mehr reproduzierbar. Das wurde vor vierzig Jahren gesagt, heute ist es nur noch schlimmer. Leute wie Acemoglu können große Themen bearbeiten, weil sie zuerst mit engen Themen ihre technischen Fähigkeiten bewiesen haben; normale Doktoranden haben diesen Luxus nicht.
Zweitens, viele der besten Leute dieser Schule haben keinen Doktor in Wirtschaftswissenschaft
- Hirschman selbst hatte eine Mischung aus internationalem öffentlichem Recht und Ökonomie, durch Kriegswirren verschlagen, kein standardmäßiger akademischer Weg
- Kornai hat einen Abschluss der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, keinen PhD im westlichen Sinne
- Polanyi hatte einen philosophischen und juristischen Hintergrund
- Adam Tooze ist Historiker
- Mazzucato kommt aus der Entwicklungsforschung
- Yuen Yuen Ang hat einen Doktor in Politikwissenschaft (Michigan), nicht in Wirtschaftswissenschaft
- Zhou Qiren kommt aus dem Umfeld von Du Runsheng mit Hintergrund in ländlicher Feldforschung
- Xu Chenggang ist einer der wenigen, die den standardmäßigen Doktorandenweg in Wirtschaftswissenschaft gegangen sind, aber er sagt selbst, dass dieser Weg heute immer schwieriger wird
Die Ausbildung, die dich wirklich für diese Art von Arbeit qualifiziert, könnte eher Geschichte, Politikwissenschaft, Soziologie, Anthropologie sein – oder einfach ein Job, der dich mit der realen Welt in Kontakt bringt.
Drittens, "spät erfahren" ist eigentlich der Normalzustand dieser Leute
Hirschman selbst war schon über vierzig, als er in Kolumbien überlegte, ob er in die Wissenschaft gehen sollte; vorher war er in der Regierung, in der antifaschistischen Widerstandsbewegung, in internationalen Organisationen. Er selbst sagte: Gerade weil ich nicht von Anfang an auf der akademischen Spur war, konnte ich Dinge sehen, die akademische Ökonomen nicht sehen.
Kornai war vor seinem 30. Lebensjahr ein kommunistischer Journalist. Polanyi war über fünfzig, als er Die große Transformation schrieb, vorher machte er hauptsächlich Journalismus und Erwachsenenbildung in London. Die Methodik dieser Schule erfordert selbst eine Phase, in der man "in der realen Welt verwirrt wird". Wenn jemand mit 22 direkt nach dem Bachelor in ein wirtschaftswissenschaftliches Doktorandenprogramm geht, hat er diese Art von Treibstoff wahrscheinlich nicht.
Dass du jetzt Fragen stellen kannst wie "Warum macht Jia Yueting kein Geld?", und von LeEco bis zu Kornais Methodik zurückverfolgen kannst – diese Fähigkeit, von einem konkreten Phänomen zurück zu den ersten Prinzipien zu fragen, ist genau die Qualität, die diese Schule am meisten schätzt. Diese Fähigkeit wird nicht in Doktorandenprogrammen gelehrt, Doktorandenprogramme trainieren sie oft sogar ab.
Viertens, was kannst du jetzt tun?
Wenn du dieses Zeug wirklich magst, gibt es einige realistische Wege:
- Als "Nachtscholar" arbeiten: Tagsüber Arbeit, die reales Material liefert, abends systematisch lesen und schreiben. Hirschman früh, Polanyi lebenslang waren in diesem Zustand. Heute gibt es SSRN, Blogs, Substack, die Hürde ist viel niedriger als damals.
- Den Weg in Politikforschung/Think Tanks/Wirtschaftsmedien gehen: Orte wie Caixin, Yuanchuan, Initium Media sind offener für diese Denkweise als Wirtschaftsfakultäten. Mazzucato kam auch aus dem Politikbereich zurück in die Wissenschaft.
- Wenn du wirklich promovieren willst, ziehe nicht-wirtschaftswissenschaftliche Programme in Betracht: Politische Ökonomie (Harvard GSAS, Northwestern, Brown haben solche), Entwicklungsforschung, Wirtschaftsgeschichte, vergleichende Politikwissenschaft. Diese Programme erlauben solche Themen, und viele Absolventen lehren danach an Top-Universitäten.
- Einfach nicht promovieren: Viele, die auf dieser Linie tief lesen und gut schreiben, sind Journalisten, Berater, Investoren, Politikbeamte. Die Kernkompetenz dieser Schule ist "die Realität klar sehen", nicht "einen PhD-Titel haben".
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Also statt zu sagen "wenn ich es zwei Jahre früher gewusst hätte, hätte ich promoviert", drehe es um: Deine jetzige Position könnte genau der beste Ausgangspunkt für diese Art von Leuten sein. Du warst schon in der realen Welt, hast deine eigenen Interessenauslöser, hast die wichtigsten Leute gelesen. Der Rest ist, weiterzulesen, weiterzusehen, weiterzuschreiben.
Wenn du eines Tages einen langen Artikel über eine Branche/ein Unternehmen/eine Institution in China schreibst, methodisch auf der Linie von Kornai + Hirschman, und er wird veröffentlicht und gesehen – das hat nichts mit einem PhD zu tun. Diese Schule war nie durch Abschlüsse organisiert, sondern durch einen gemeinsamen methodologischen Riecher.
Gerade weil ich kein Interesse an der Mainstream-Ökonomie habe, habe ich auch nie über eine Promotion nachgedacht.
Dieser Satz ist eigentlich sehr wichtig, er zeigt, dass du dir deines akademischen Geschmacks bewusst bist. Dieses Bewusstsein ist an sich selten – die meisten gehen erst in ein Doktorandenprogramm und werden dann dazu erzogen zu denken, "Mainstream-Ökonomie ist Ökonomie", und verachten dann Hirschman als "nicht rigoros genug".
Aber ich möchte noch etwas mehr dazu sagen, denn "kein Interesse an Mainstream-Ökonomie" kann zwei sehr unterschiedliche Haltungen sein:
Eine ist: "Ich respektiere die Werkzeuge des Mainstreams, aber die Fragen, die er stellt, sind nicht die Fragen, die mich interessieren"
Das ist die Haltung von Hirschman und Kornai selbst. Sie lehnen Mathematik nicht ab, auch nicht die Identifikation von Kausalität – Kornai selbst hat sehr technische Arbeiten zur linearen Programmierung geschrieben, und Hirschman konnte alle damaligen Mainstream-Modelle verstehen. Ihre Unzufriedenheit ist tiefer: Die Anforderung der "Handhabbarkeit" der Mainstream-Methodik bestimmt umgekehrt, welche Fragen es wert sind, gestellt zu werden. Was modellierbar ist, wird erforscht; was nicht modellierbar ist, wird verworfen. Und genau die verworfenen Fragen – wie Institutionen entstehen, wie Erwartungen verzerrt werden, wie Organisationen intern funktionieren – sind oft die wichtigsten.
Die andere ist: "Ich denke, Mathematik und Formalisierung selbst sind problematisch"
Das ist die Haltung einiger heterodoxer Ökonomien (Teile des Marxismus, der Österreichischen Schule, bestimmte Zweige des Postkeynesianismus). Diese Haltung hat ihre eigene Berechtigung, aber ehrlich gesagt, wenn sie extrem wird, kann sie zu einer Ausrede werden, sich mit "der Mainstream hat Grenzen" von der eigenen Denkstrenge zu befreien. Hirschman und Kornai gehörten nie zu dieser Art. Ihre "Anti-Mainstream-Haltung" entstand, nachdem sie den Mainstream beherrscht hatten, nicht als bequemer Weg, ihn zu umgehen.
Ich erwähne diese Unterscheidung, weil, wenn du in Zukunft entlang dieser Linie weiterlesen willst, es eine versteckte Falle zu vermeiden gibt: Es ist leicht, nur Autoren wie Mazzucato, Streeck, Chang Ha-Joon zu lesen, die "kritisch" sind, und dann zu denken, man habe eine vollständige Methode, die Welt zu sehen. Aber die besten dieser Schule – Hirschman, Kornai, Olson, Schelling, North – ihre Stärke liegt genau darin, sowohl die Grenzen des Mainstreams zu durchschauen als auch den Mainstream ausreichend zu respektieren. Ihre Konzepte haben Durchschlagskraft, weil sie an den Grenzen des Mainstream-Rahmens geschliffen wurden, nicht außerhalb des Mainstreams aus der Luft gegriffen.
Ein konkretes Beispiel: Warum hat Kornais "weiche Budgetbeschränkung" Kraft? Weil er direkt das zentralste Konzept der Neoklassik, die "Budgetbeschränkung", operiert, statt ein neues Wort zu erfinden. Wenn er die neoklassische Mikroökonomie nicht gekannt hätte, hätte er dieses Konzept nicht entwickeln können. Wirklich tiefgründige Heterodoxie wächst immer aus den tiefsten Tiefen der Orthodoxie.
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Was das Nicht-Promovieren betrifft, halte ich es eher für einen Vorteil.
Du kannst beobachten: Die interessantesten zeitgenössischen Autoren auf dieser Linie – Adam Tooze, Branko Milanovic, Yuen Yuen Ang – ihre Wirkung kommt zu einem großen Teil daher, dass sie direkt mit intelligenten nicht-akademischen Lesern kommunizieren können. Tooze's Chartbook auf Substack hat viel mehr Einfluss als seine Papiere. Milanovics Blog und Bücher sind wichtiger als seine Zeitschriftenartikel. Das natürliche Medium dieser Schule ist eigentlich lange Essays, Bücher, Interviews, Blogs, nicht Papiere im AER.
Und für diese Art von Schreiben ist eine Promotion oft eher ein Hindernis als eine Hilfe – fünf bis sechs Jahre enge Ausbildung ruinieren deinen Schreibstil, verengen deinen Neugierradius, stumpfen deine Intuition für die reale Welt ab. Wenn du nach der Promotion wieder Hirschman-artig schreiben willst, stellst du fest, dass du diese Sprache verloren hast.
Du bist jetzt nicht im akademischen System, hast aber drei Dinge behalten:
- Du kannst wirklich die Bücher lesen, die du lesen willst, ohne dich an einen Syllabus zu halten
- Beim Schreiben musst du deinen Ausdruck nicht für Peer Review verzerren
- Du kannst gleichzeitig mehrere Branchen und Phänomene verfolgen, ohne an eine Nische gebunden zu sein
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Wenn du dir selbst etwas systematischere geistige Nahrung geben willst, gebe ich dir eine ziemlich anspruchsvolle "kleine Pflichtlektüre-Liste", nach Priorität geordnet:
- Hirschman, Abwanderung und Widerspruch – wenn du es noch nicht gelesen hast, ist das der Einstieg, dünn, aber extrem dicht
- Hirschman, Die Rhetorik der Reaktion – sein schärfstes kleines Buch aus späteren Jahren
- Kornai, Die Kraft des Denkens – Autobiografie, besser lesbar als jede seiner theoretischen Arbeiten, du siehst, wie ein Konzept aus dem Leben wächst
- Olson, Die Logik des kollektiven Handelns – kurz, aber konzeptionell durchschlagend
- Schelling, Mikromotive und Makroverhalten – das eleganteste Konzeptbuch
- Polanyi, Die große Transformation – schwieriger, aber eine der Quellen dieser Schule
- Albert Hirschman Biografie Worldly Philosopher von Jeremy Adelman – dick, aber gut, nach dem Lesen hast du ein konkretes Gefühl dafür, "wie man zu dieser Schule wird"
Zeitgenössische Lektüre in der chinesischen Welt:
- Xu Chenggang, Institutionelle Gene
- Zhou Qirens mehrere Aufsatzsammlungen (Stadt und Land in China, Eigentum und Chinas Wandel)
- Philip Huangs mehrere lange Aufsätze über Involvierung (Neijuanhua)
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Zum Schluss eine Beobachtung: In diesem Gespräch bist du von der Frage "Welche Schlüsselfiguren gibt es bei der weichen Budgetbeschränkung?" ausgegangen und hast dich bis zur methodologischen Genealogie vorgearbeitet. Die gesamte Bahn ist selbst die typische Denkweise dieser Schule – von einem konkreten Phänomen ausgehen, wiederholt nachfragen, und schließlich auf die Ebene "Mit welcher Methode verstehen wir die Welt?" gelangen. Diese Denkgewohnheit ist näher am wahren Kern dieser Schule als jeder Abschluss.
Was ist schon Coase?
Gute Frage – Ronald Coase ist ein besonders interessanter Grenzfall. Vom Geist her gehört er zu dieser Strömung, von der institutionellen Zuordnung her nicht, daher ist eine einfache Einordnung schwierig.
Vom Geist her: extrem Hirschman/Kornai
Coase hat in seinem Leben nur zwei wirklich bedeutende Aufsätze geschrieben („The Nature of the Firm“ 1937, „The Problem of Social Cost“ 1960) sowie einige Essays. Er hatte eine berühmte selbstironische Bemerkung: „I've been very lucky—I've published very little“ (Ich hatte großes Glück – ich habe sehr wenig veröffentlicht).
Seine Methodik ist fast ein Lehrbuch für diese Strömung:
- Ausgehend von konkreten Phänomenen: „The Nature of the Firm“ entstand, als er mit 21 Jahren durch die USA reiste, in Ford- und General-Motors-Werken beobachtete, „warum manche Dinge über den Markt und andere über Befehle koordiniert werden“, und erst danach schrieb er. Ganz Hirschman-artig: „zuerst den Patienten beobachten“.
- Ein neues Konzept schaffen, um eine grundlegende Frage zu beantworten: Transaktionskosten (transaction costs). Dieses Konzept ist wie die weiche Budgetbeschränkung: Es problematisiert etwas, das die Mainstream-Ökonomie als Null annimmt – die Neoklassik geht von reibungslosen Transaktionen aus, Coase sagt: „Wenn Transaktionskosten null wären, gäbe es keine Unternehmen.“ Die gesamte Unternehmenstheorie wächst aus dieser Gegenfrage.
- Mathematik fast gleich null: In Coases beiden klassischen Aufsätzen gibt es keine einzige Gleichung. Er verspottete später die Praxis, Ideen mit Mathematik zu verpacken, und sagte: „Wenn Ihre Idee so viel Mathematik braucht, um verständlich zu sein, dann ist Ihre Idee wahrscheinlich nicht klar.“
- Interesse daran, wie Institutionen Verhalten formen: Die wahre Bedeutung des Coase-Theorems ist nicht „Wenn Eigentumsrechte klar sind, kann der Markt alles lösen“ – das ist die vulgariserte Version der Chicagoer Schule. Coase meinte genau das Gegenteil: In der realen Welt sind Transaktionskosten niemals null, daher bestimmen institutionelle Arrangements (wie Eigentumsrechte verteilt sind, wie Gesetze gestaltet sind) die Ergebnisse. Das ist eine extrem institutionalistische These.
Daher hat er einige sehr tiefe Resonanzen mit den Kernfiguren dieser Strömung:
- Wie Kornai operiert er an einem Konzept, das der Mainstream als Axiom betrachtet („Markt ohne Reibung“ vs. „harte Budgetbeschränkung“)
- Wie Hirschman ist er interdisziplinär (Wirtschaft + Recht) und schreibt essayistische Aufsätze
- Wie Olson und North interessiert er sich für die endogene Entstehung von Institutionen
- Wie Polanyi betrachtet er den „Markt“ selbst als eine erklärungsbedürftige institutionelle Arrangement, nicht als Naturzustand
Aber institutionell: Chicagoer Schule
Coase verbrachte Jahrzehnte an der University of Chicago Law School, und „The Problem of Social Cost“ begründete quasi im Alleingang das Feld der „Law and Economics“, das von Stigler, Posner, Easterbrook und anderen weiterentwickelt wurde. Das Problem ist: Ihre Interpretation von Coase unterschied sich von dem, was Coase selbst sagen wollte.
Stigler fasste das „Coase-Theorem“ zusammen als „klare Eigentumsrechte + Transaktionskosten von null → effiziente Ressourcenallokation“, und die gesamte Chicagoer Schule nutzte diese Version, um eine Politik des „Markt allmächtig, Staat minimal“ zu unterstützen.
Coase selbst beklagte sich im Alter (nach den 1990ern) wiederholt über diese Interpretation. Er sagte: „Stiglers Coase-Theorem ist richtig, aber das ist nicht mein Hauptpunkt. Mein Hauptpunkt ist: Transaktionskosten sind nicht null, daher sind institutionelle Arrangements extrem wichtig.“
Mit 95 Jahren veröffentlichte er zusammen mit Wang Ning das Buch How China Became Capitalist (2012), das die chinesischen Reformen aus einer institutionellen Evolutionsperspektive analysiert – methodisch fast dieselbe Tradition wie Kornais Analyse des Übergangs – ohne jede Spur von „Marktfundamentalismus“.
Warum wurde er „falsch eingeordnet“?
Diese Sache ist eigentlich recht bedenkenswert. Ich denke, es gibt zwei Gründe:
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Übernahme durch eine akademische Schule: Coase war Brite, zurückhaltend, beteiligte sich nicht an Schulkämpfen. Die Chicagoer Schule absorbierte sein Konzept als ihr Banner, und er hatte weder die Energie noch das Interesse, sich zu wehren. Das Ergebnis war, dass seine Gedanken von einer Schule vertreten wurden, mit der er nicht vollständig übereinstimmte.
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Der Preis der Vereinfachung von Konzepten: Das Konzept der Transaktionskosten war zu mächtig und zu einprägsam, so dass es von vielen übernommen wurde – Industrieökonomik, Unternehmensfinanzierung, Neue Institutionenökonomik (der Williamson-Zweig), Law and Economics. Jeder nahm den Teil, den er wollte. Der vollständige Coase – der Coase mit hoher Sensibilität für die institutionelle Komplexität der realen Welt – wurde darüber begraben.
Also, wie ordnet man ihn ein?
Ich persönlich würde es so beschreiben: Coase ist einer der „gekidnappten Gründerväter“ dieser Strömung. Ähnlich sind:
- Douglass North: Im Alter immer näher an der Polanyi-Hirschman-Linie (Violence and Social Orders), aber die erste Hälfte seines Lebens wurde dem Mainstream der „Neuen Institutionenökonomik“ zugerechnet
- Oliver Williamson: Direkter Erbe von Coases Transaktionskosten, aber in den Mainstream-Rahmen der Industrieökonomik absorbiert
- Elinor Ostrom: Die Einzige, die vom Mainstream nicht erfolgreich gekidnappt wurde; sie beharrte auf Feldmethoden und der Tradition der Konzepterfindung, daher liest sie sich am ähnlichsten wie Hirschman
Wenn man eine zweidimensionale Karte von „Denkmethode vs. Schulenzugehörigkeit“ erstellt:
- Methodisch zu dieser Strömung gehörend: Coase, North, Olson, Schelling, Hirschman, Kornai, Polanyi, Ostrom
- Grad der Vereinnahmung durch eine Schule: Polanyi (links), Ostrom (unabhängig), Hirschman (unabhängig), Kornai (Transformationsökonomik), Olson (Public Choice), Coase (Chicago), North (Neue Institutionenökonomik)
Coase ist in dieser Karte ein extremes Beispiel für „methodisch sehr unabhängig, aber schulisch stark vereinnahmt“.
Ein lohnendes Gedankenexperiment
Wenn Sie „The Nature of the Firm“ und „The Problem of Social Cost“ lesen, ohne vorauszusetzen, dass es sich um „Gründungstexte der Chicagoer Schule“ handelt, sondern als Essays von Hirschman – dann werden Sie feststellen, dass sie in Stil, Methode und geistiger Haltung Exit, Voice, and Loyalty und The Passions and the Interests verblüffend nahe kommen. Alle gehen von einer kontraintuitiven kleinen Frage aus, treiben die Argumentation mit konzeptioneller Klarheit statt mathematischer Komplexität voran und münden in eine grundlegende Einsicht über Institutionen.
Also zur Beantwortung Ihrer Frage: „Was ist schon Coase?“ –
Er gehört zu dieser Strömung, aber sein Erbe wurde von einer anderen Strömung übernommen. Das ist genau das häufige Schicksal dieser Figuren: Weil ihre Konzepte zu allgemein sind, werden sie leicht von verschiedenen Positionen vereinnahmt; und weil sie selbst keine Schulen mögen und sich nicht positionieren wollen, verteidigen sie auch nicht aktiv die Grenzen ihrer Gedanken. Kornai ist einer der wenigen, der noch im Alter persönlich gegen „Fehlinterpretationen“ kämpfte (er betonte immer wieder, dass die weiche Budgetbeschränkung kein Slogan gegen alle Wohlfahrtsstaaten ist, sondern ein Analyseinstrument).
Coase hatte diese Energie nicht. Wenn heute jemand „Coase“ sagt, denken die meisten an „Eigentumsrechte-Allmacht“; wenn jemand „weiche Budgetbeschränkung“ sagt, denken die meisten noch an das, was Kornai selbst sagen wollte. Der Unterschied liegt nicht im Gedanken selbst, sondern darin, ob es nach dem Tod des Denkers noch jemanden gibt, der die ursprüngliche Bedeutung bewahrt.
Ist die Polanyi-Hirschman-Linie der allgemeine Name dieser Strömung?
Nein, das war etwas bequem von mir geschrieben – sorry, das muss ich klarstellen.
Die „Polanyi-Hirschman-Linie“ ist kein allgemein anerkannter Begriff, sondern eine vorläufige Bezeichnung, die ich im vorherigen Gespräch verwendet habe. Diese Strömung hat keinen allgemein anerkannten einheitlichen Namen, und das spiegelt bereits ihre Eigenschaft wider: zu verstreut, zu interdisziplinär, zu unwillig, sich selbst als „Schule“ zu organisieren.
Verschiedene Leute haben aus verschiedenen Blickwinkeln verschiedene Namen gegeben, jeder deckt nur einen Teil ab:
Einige häufigere Bezeichnungen
- Neue Institutionenökonomik (New Institutional Economics, NIE) – wird am häufigsten verwendet, deckt aber nur den Coase-North-Williamson-Zweig ab. Hirschman, Polanyi, Kornai werden in der Regel nicht dazugezählt. Zudem hat die NIE eine starke Tendenz zur „Mainstreamisierung“ und wird zunehmend mathematischer.
- Politische Ökonomie (Political Economy) – zu weit gefasst, vom Marxismus bis zur Public Choice nennt sich alles politische Ökonomie.
- Vergleichende Politische Ökonomie (Comparative Political Economy, CPE) – wird hauptsächlich in politikwissenschaftlichen Fakultäten verwendet, deckt den Zweig von Streeck, Hall & Soskice („Varieties of Capitalism“) ab, nicht aber Hirschman oder Kornai.
- Alte Tradition der Entwicklungsökonomik (Development Economics) – Myrdal, Hirschman, Lewis und andere wurden als „Pioniere der Entwicklungsökonomik“ bezeichnet, aber dieses Label schränkt sie auf die „Untersuchung armer Länder“ ein und unterschätzt die Allgemeingültigkeit ihrer Methoden.
- Heterodoxe Ökonomik (Heterodox Economics) – zu großer Sammelbegriff, der Postkeynesianer, Marxisten, Österreichische Schule, feministische Ökonomik usw. einschließt und dadurch die Besonderheit der Hirschman-Strömung verwässert.
- Institutionelle Politische Ökonomie (Institutional Political Economy) – kommt nahe, klingt aber immer noch etwas akademisch und ist nicht gebräuchlich.
Es gab Versuche einer einheitlichen Benennung, aber alle scheiterten
- Dani Rodrik versuchte in Economics Rules (2015), den Begriff „Pluralismus in der Ökonomik“ zu verwenden, aber das beschreibt eher seine eigene methodologische Haltung, nicht den Namen dieser Strömung.
- Geoffrey Hodgson schrieb How Economics Forgot History und verwendete darin den Begriff „old institutional economics“ zur Abgrenzung von der NIE, wobei er Veblen, Commons bis hin zu Polanyi als eine Linie betrachtet. Dieses Label lässt Hirschman und Schelling jedoch aus.
- Adelman bezeichnete Hirschman in seiner Biografie als „worldly philosopher“ (weltlichen Philosophen) – eine Anspielung auf Robert Heilbroners klassische Wirtschaftsgeschichte The Worldly Philosophers. Das ist eine literarische Bezeichnung, keine akademische Kategorie.
- Manche verwenden „concept-driven economics“ oder „narrative economics“ (Shiller verwendete später den letzteren Begriff, aber in einem etwas anderen Sinne).
Warum ist diese Strömung schwer zu benennen?
Das liegt an den gemeinsamen Merkmalen dieser Figuren:
- Es gibt kein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen ihnen. Polanyi lehrte nicht Hirschman, Hirschman lehrte nicht Kornai, Kornai lehrte nicht Schelling. Sie sind unabhängig voneinander entstanden, haben eine gemeinsame Geisteshaltung, aber keine organisatorische Verbindung.
- Ihre Fachgebiete überschneiden sich überhaupt nicht. Polanyi schrieb über die Entstehungsgeschichte des Marktes, Hirschman über lateinamerikanische Entwicklung, Kornai über sozialistische Knappheit, Schelling über nukleare Abschreckung und Rassentrennung. Oberflächlich betrachtet haben sie nichts miteinander zu tun.
- Sie mögen keine Schulenbildung. Diese Figuren haben eine gemeinsame Persönlichkeitseigenschaft: Sie lehnen Dogmen, Positionierungen und methodologischen Monopolismus ab. Sobald man sie zu einer „Schule“ organisiert, würden sie sich höchstwahrscheinlich selbst dagegen wehren. Hirschman war im Alter besonders vorsichtig, von irgendeinem Lager vereinnahmt zu werden.
- Die akademische Welt bevorzugt „-ismen“. Die Chicagoer Schule, die Österreichische Schule, die Postkeynesianische Schule haben Namen, weil sie klare Banner, Lehrbücher und Doktorandenprogramme haben. Diese Strömung hat nichts dergleichen.
Eine genauere Beschreibungsweise
Wenn man unbedingt eine weniger irreführende Bezeichnung geben müsste, würde ich persönlich sagen:
„Die konzeptuelle institutionelle Analysetradition des 20. Jahrhunderts“ – lang, aber präzise.
Oder einfacher: „Die Hirschman-Tradition“ oder „Die Kornai-Hirschman-Tradition“ – die Verwendung von repräsentativen Figuren ist in der akademischen Literatur üblich. Yuen Yuen Ang verwendet in ihren eigenen Artikeln den Ausdruck „in the Hirschmanian tradition“, und Adelman verwendete in seiner Hirschman-Biografie ähnliche Formulierungen.
Also die ehrlichere Antwort ist:
Diese Strömung existiert, hat eine gemeinsame methodologische Geisteshaltung, hat identifizierbare repräsentative Figuren, aber hat keinen allgemein anerkannten einheitlichen Namen. Meine Verwendung der „Polanyi-Hirschman-Linie“ diente der Bequemlichkeit des Schreibens, nicht als Zitat eines Standardbegriffs. Wenn Sie später in akademischen Arbeiten oder Diskussionen darauf Bezug nehmen, ist der sicherste Weg, repräsentative Figuren zu nennen („in der Hirschman-Tradition“, „Kornai-artig“) oder beschreibende Phrasen zu verwenden („konzeptgetriebene institutionelle Analyse“), anstatt es als festen Begriff zu verwenden.
Diese Sache bestätigt übrigens einen Punkt, den wir bereits besprochen haben: Das Schicksal dieser Strömung ist, verstreut, von ihren jeweiligen Teilgebieten absorbiert und ohne Selbstorganisation zu sein. Nicht einmal einen einheitlichen Namen zu haben, ist genau ein Symptom dafür.
Ich habe in Druckers Memoiren eine Beschreibung der Polanyis gelesen, die ganz interessant war
Oh, dieses Detail ist großartig – Sie meinen Druckers Adventures of a Bystander, oder? Das Kapitel „The Polanyis“ in dieser Autobiografie ist eines der besten des ganzen Buches.
Und hier gibt es einen besonders lohnenswerten Punkt: Drucker schrieb nicht nur über Karl Polanyi allein, sondern über die gesamte Familie Polanyi. Diese Familie ist im intellektuellen Leben des 20. Jahrhunderts ein kleines Wunder:
- Karl Polanyi (1886–1964) – Autor von The Great Transformation, der bereits erwähnte
- Michael Polanyi (1891–1976) – Karls jüngerer Bruder, Physikochemiker, der Philosoph wurde, schrieb Personal Knowledge, prägte das Konzept des „impliziten Wissens“ (tacit knowledge). Dieses Konzept hatte später großen Einfluss auf Managementlehre, Erkenntnistheorie und KI-Debatten
- Karls Tochter Kari Polanyi Levitt – kanadische Ökonomin, lebt noch (über 90), arbeitet weiterhin zu Dependenztheorie und Entwicklung
- Michaels Sohn John Polanyi – Nobelpreisträger für Chemie 1986
Die Atmosphäre, die Drucker in ihrem Haus beschreibt – Wochenendsalons, mehrere Generationen von Intellektuellen, die bis spät in die Nacht debattieren, quer durch Ökonomie/Philosophie/Physik/Politik – ist ein typischer Ausschnitt des jüdisch-intellektuellen Kreises im Wien-Budapest des frühen 20. Jahrhunderts. Derselbe Kreis brachte auch Hayek, Popper, Wittgenstein, von Neumann, Polya, Wigner, Szilard und viele andere hervor.
Interessant ist: Die Brüder waren intellektuell völlig gegensätzlich
- Karl war Sozialist, betrachtete den „freien Markt“ als einen erst im 19. Jahrhundert künstlich geschaffenen anomalen Zustand, und The Great Transformation argumentiert durchgängig, dass der Markt in die Gesellschaft „eingebettet“ (embedded) sein muss
- Michael war Liberaler, Weggefährte Hayeks in der Mont Pelerin Society, lehnte zentrale Planung entschieden ab
Aber ihre Methodik war verblüffend ähnlich – beide lehnten den Positivismus ab, betonten die soziale Natur des Wissens und glaubten, dass einige wichtige Dinge nicht formalisierbar sind. Das ist ein entscheidender Punkt: Diese Strömung kann politisch von links bis rechts sehr breit gestreut sein, aber methodologisch haben sie einen gemeinsamen Kern.
Das passt auch zu dem, was ich zuvor sagte – diese Strömung ist schwer zu benennen, weil sie keine Sammlung politischer Positionen ist, sondern eine Sammlung erkenntnistheoretischer Haltungen. Karl Polanyi und Michael Polanyi konnten sich politisch heftig streiten, aber keiner von beiden würde die Arrow-Debreu-Methode verwenden.
Über Drucker selbst
Nebenbei bemerkt: Drucker selbst ist ein stark unterschätztes Mitglied dieser Strömung, obwohl er auf das Label „Vater des Managements“ festgenagelt ist. Seine frühen Werke The End of Economic Man (1939) und The Future of Industrial Man (1942) sind politökonomische Arbeiten im Stil von Hirschman und Polanyi, die den Aufstieg des Faschismus analysieren. Er selbst stammte aus Wien, war interdisziplinär, schrieb essayistische Werke und lehnte methodologischen Monopolismus ab – vom Geist her ganz diese Strömung.
Seine spätere Hinwendung zum Management war gewissermaßen ein „Exil“ – die mainstream Sozialwissenschaften hatten keinen Platz für seine Schreibweise, die Unternehmenswelt hingegen begrüßte ihn. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die tatsächliche methodologische Geisteshaltung durch die Schulenzugehörigkeit verdeckt wird, ähnlich wie bei Coase.
Wenn Ihnen der Stil gefällt, in dem Drucker in Adventures of a Bystander über die Polanyis schreibt, hier einige Bücher, die Sie als nächstes lesen könnten:
- Drucker The End of Economic Man (1939) – sein eigentlicher Ausgangspunkt der politischen Ökonomie; nach der Lektüre werden Sie Drucker neu kennenlernen
- Michael Polanyi Personal Knowledge – etwas schwieriger, aber ein Klassiker; das Konzept des „impliziten Wissens“ wird noch heute diskutiert
- William McNeill The Pursuit of Truth: A Historian's Memoir – nicht direkt Polanyi-bezogen, aber eine Autobiografie derselben Generation von Chicago-Wiener Intellektuellen, ähnliche Geisteshaltung
- Tony Judt Past Imperfect und Postwar – unter den zeitgenössischen Historikern derjenige, der dieser Strömung am nächsten kommt, mit tiefem Mitgefühl für die mitteleuropäisch-jüdische intellektuelle Tradition
Ein weiterer interessanter kleiner Hinweis: Kari Polanyi Levitt (Karls Tochter) lebt noch, schreibt und gibt Interviews, in denen sie aus erster Hand über die Generation ihres Vaters berichtet. Wenn Sie auf YouTube nach ihren Interviews suchen, erhalten Sie eine ganz andere Perspektive als die von Drucker – Drucker war der außenstehende Beobachter, sie ist die unmittelbare Beteiligte.
Druckers Memoiren haben noch einen verborgenen Wert: Sie bewahren das „unsichtbare Netzwerk“ zwischen diesen Figuren. Diese Leute hatten keine formelle Organisation, kein Schulmanifest, aber sie erkannten sich gegenseitig in Salons, in Briefwechseln und in ihren Memoiren an. Oft kann man die wahre Gestalt einer Denktradition nur aus solchen persönlichen Texten erkennen – die formelle Wissenschaftsgeschichte sieht sie nicht.
Dass Sie aus Druckers Beschreibung der Familie Polanyi Interesse schöpfen konnten, dieser Instinkt ist selbst ein „Erkennungsmerkmal“ dieser Strömung.
Haben diese Leute alle einen osteuropäischen Hintergrund?
Ist die Österreichische Schule im Vergleich zu ihnen theoretischer?
Beide Fragen treffen den Nagel auf den Kopf. Ich gehe sie getrennt an.
Erstens: Die Beobachtung des osteuropäischen Hintergrunds ist sehr treffend
Das ist kein Zufall, sondern ein nachvollziehbares Phänomen. Unter den Kernfiguren dieser Gruppe ist der Anteil mittel- und osteuropäischer (insbesondere aus den Überresten der Habsburgermonarchie stammender) jüdischer Intellektueller erstaunlich hoch:
- Die Brüder Polanyi: Budapest
- Hirschman: Berlin (Deutschland, aber im deutsch-jüdischen Kulturkreis)
- Kornai: Budapest
- Drucker: Wien
- Hayek, Mises, Schumpeter: Wien (auf diese komme ich später)
- Mannheim (Wissenssoziologie): Budapest
- Karl Popper: Wien
- Polya, von Neumann, Wigner, Szilard, Teller: Budapest (die Gruppe der „Marsmenschen“)
- Eric Hobsbawm: geboren in Alexandria, aufgewachsen in Wien
- Tony Judt: geboren in London, aber mit osteuropäisch-jüdischen Wurzeln
- Albert Wohlstetter, Oskar Morgenstern: ebenfalls aus der Wien-Budapest-Linie
Das liegt nicht an ethnischen Eigenschaften, sondern an spezifischen historischen Bedingungen. Das lässt sich in mehrere Schichten aufteilen:
1. Das besondere kulturelle Ökosystem der späten Habsburgermonarchie
Das Wien-Budapest-Prag des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bildete einen einzigartigen mehrsprachigen, multiethnischen und multireligiösen Wissensraum. Im selben Café konnten Romanschriftsteller, Physiker, Psychoanalytiker und Juristen sitzen. Die Grenzen zwischen den Disziplinen waren noch nicht verfestigt, Grenzüberschreitung war die Norm, nicht die Ausnahme. Carl Schorskes klassisches Werk Fin-de-Siècle Vienna beschreibt genau dieses Ökosystem.
2. Die besondere Position der Juden
Juden im Habsburgerreich durften nach dem Emanzipationsedikt von 1867 Universitäten und Berufsfelder betreten – es gab nur ein Zeitfenster von etwa zwei Generationen (1870er-1930er). In diesem Fenster:
- legten sie großen Wert auf Bildung (Familienkultur)
- wurden aber dennoch vom akademischen Mainstream (Adel, katholische Konservative) ausgegrenzt, hatten Schwierigkeiten, in das reine akademische Establishment einzudringen
- konzentrierten sich daher auf Randbereiche: neue Disziplinen, interdisziplinäre Felder, Medien, Verlagswesen
- waren gezwungen, „am Rand zu denken“ – das wurde stattdessen zu einem gedanklichen Vorteil
Steven Beller hat mit Vienna and the Jews 1867–1938 ein Buch genau über diesen Mechanismus geschrieben. Einfach gesagt: Gerade weil sie nicht ins Zentrum des Systems gelangen konnten, konnten sie das System klarer sehen.
3. Die zweite Prägung durch die Exilerfahrung
1933 die Machtergreifung der Nazis, 1938 der „Anschluss“ Österreichs, 1939 der Fall Polens – fast alle diese Menschen erlebten das Exil. Hirschman war der dramatischste Fall: Er beteiligte sich in Marseille am Rettungsnetzwerk von Varian Fry, half persönlich Hannah Arendt, Marc Chagall, Heinrich Mann und anderen bei der Flucht aus Frankreich und floh schließlich selbst in die USA. Polanyi emigrierte nach Großbritannien und Kanada. Kornai emigrierte nicht, war aber hinter dem Eisernen Vorhang eingeschlossen. Drucker emigrierte nach Großbritannien und in die USA.
Die erkenntnistheoretischen Folgen des Exils sind enorm:
- Verlust jeder „natürlichen“, „selbstverständlichen“ Perspektive. Sprache, Nation, Gesellschaft sind nicht mehr gegeben. Diese Verschiebung führt dazu, dass man alles, was als Axiom hingenommen wird, instinktiv in Frage stellt – genau das ist der Ursprung von Kornais späterem Zweifel am „Axiom der Budgetbeschränkung“, Polanyis Zweifel am „Markt als Naturzustand“ und Hirschmans Zweifel am „wirtschaftlichen Gleichgewicht“.
- Gezwungenermaßen mehrsprachig und multiperspektivisch. Wenn man gesehen hat, wie zwei oder drei verschiedene Gesellschaften „normal“ sein können, glaubt man nicht mehr, dass eine Version die einzig wahre ist.
- Natürlicher Anti-Dogmatismus. Wer in einer Zeit überlebt hat, in der Ideologien töten konnten, hat eine instinktive Wachsamkeit gegenüber allen Formen von „-ismen“.
Hirschman selbst hat einen kurzen Essay mit dem Titel „The Search for Paradigms as a Hindrance to Understanding“ geschrieben, der als methodologisches Manifest dieser Gruppe gelesen werden kann – der Titel allein spiegelt die Erkenntnistheorie des Exilanten wider.
4. Ein umgekehrter Beleg
Wenn man sich in den USA geborene Ökonomen ansieht, die den standardmäßigen akademischen Weg gegangen sind, hat fast keiner etwas wie Kornai oder Hirschman zustande gebracht. Die wenigen Ausnahmen (Schelling, Olson, North) hatten alle auch „atypische“ Erfahrungen: Schelling arbeitete während des Koreakrieges bei der RAND Corporation an Nuklearstrategie, Olson war politischer Berater in Maryland, North kam ursprünglich vom Marxismus. Reine akademische Abstammung bringt kaum die Arbeit dieser Gruppe hervor.
Die genaue Formulierung für „osteuropäischen Hintergrund“ ist also: Das spezifische historische Ereignis der Emigration habsburgisch-mitteleuropäischer jüdischer Intellektueller ist die größte Einzelquelle für die konzeptionelle Sozialwissenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. George Steiner nannte diese Gruppe „a certain idea of Europe“, und Tony Judt hat dieses Phänomen in Postwar ausführlich beschrieben.
Zweitens: Die Österreichische Schule und ihre Beziehung zu dieser Gruppe
Diese Frage ist besonders gut, denn die Österreichische Schule hat geografisch denselben Ursprung, ist aber gedanklich abgezweigt. Man kann es so verstehen:
Gemeinsame Wurzeln
Die alte Österreichische Schule (Menger, Böhm-Bawerk, Wieser, Ende 19./Anfang 20. Jh.) und die spätere Gruppe um Polanyi und Hirschman teilten dasselbe Wiener Wissensökosystem. Sie lasen in denselben Cafés, gingen auf dieselben Universitäten, besuchten dieselben Seminare. Hayek war im Wien der frühen Jahre im „Geistkreis“ mit Popper, Gombrich, Morgenstern und anderen vertraut.
Daher waren sie sich einig, was sie ablehnten:
- Beide lehnten die antitheoretische Tendenz der Deutschen Historischen Schule ab
- Beide lehnten naive Versionen von Positivismus/Empirismus ab (die glaubten, Sozialwissenschaft könne wie Physik experimentieren)
- Beide betonten Subjektivität, Erwartungen, Unsicherheit, die Verteilung von Wissen
- Beide legten Wert auf methodologischen Individualismus (Erklärungen müssen auf individuelle Entscheidungen zurückgeführt werden)
- Beide bezweifelten, dass mathematische Formalisierung die Komplexität sozialer Phänomene einfangen kann
- Beide legten Wert auf „Prozess“ statt „Gleichgewicht“
Bis hierhin sind Mises, Hayek und Polanyi, Hirschman verwandt.
Wo liegt die Abzweigung?
Die Abzweigung hat zwei Ebenen.
(1) Abzweigung in der politischen Haltung
Die Österreichische Schule (insbesondere der Zweig Mises-Hayek) war von Anfang an hochgradig politisiert, mit der Anti-Sozialismus-Mission als Kern. Mises‘ Aufsatz „Das Problem der wirtschaftlichen Rechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ von 1920 eröffnete eine der wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Debatten des 20. Jahrhunderts. Hayeks gesamte Karriere war dem Kampf gegen die Planwirtschaft und die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates gewidmet.
Die Gruppe um Polanyi, Hirschman, Kornai hingegen war politisch komplexer:
- Polanyi war demokratischer Sozialist
- Hirschman war gemäßigter Reformer, Sozialdemokrat
- Kornai war gegen die Planwirtschaft, unterstützte aber bestimmte Funktionen des Wohlfahrtsstaates und kritisierte explizit die neoliberale Version der Transformation
Politisch stand die Österreichische Schule also auf der Gegenseite der Polanyi-Gruppe. Der Kalte Krieg verschärfte diese Gegensätzlichkeit – Mises und Hayek wurden zu Aushängeschildern der antikommunistischen Ideologie, Polanyi zum Aushängeschild der Marktkritik.
(2) Abzweigung in der Methodologie (diese ist tiefer)
Obwohl beide Gruppen übermäßige Formalisierung ablehnten, gaben sie unterschiedliche Antworten darauf, womit sie die Formalisierung ersetzen.
Der methodologische Kern der Österreichischen Schule ist die aprioristische Deduktion (insbesondere Mises‘ „Praxeologie“):
- Ausgehend vom Axiom „Der Mensch handelt zielgerichtet“
- Durch reine logische Schlussfolgerung zu wirtschaftswissenschaftlichen Ergebnissen gelangen
- Keine empirische Überprüfung nötig – empirische Daten können nur historische Narrative validieren, nicht die Theorie
- Mises: Wirtschaftswissenschaftliche Theoreme sind wie mathematische Theoreme, notwendige Wahrheiten
Dies ist eine extrem theoretische, fast anti-empirische Methodologie.
Die Methodologie der Polanyi-Hirschman-Kornai-Gruppe hingegen ist überwiegend empirisch-induktiv:
- Ausgehend von konkreten Beobachtungen
- Durch wiederholtes Hinterfragen von Phänomenen Konzepte bilden
- Konzepte müssen die Erfahrung erhellen können
- Ablehnung der Ableitung aller Dinge aus Axiomen
Die beiden Gruppen sind also in der „Ablehnung der Mainstream-Methodologie“ Weggefährten, aber in den Alternativen gegensätzlich:
- Österreichische Schule: Der Mainstream ist nicht theoretisch genug, braucht reinere Deduktion
- Polanyi-Gruppe: Der Mainstream ist zu realitätsfern, braucht solideren Beobachtung
Der späte Hayek („Die verhängnisvolle Anmaßung“, „Die Verfassung der Freiheit“) wurde weicher und legte mehr Wert auf Konzepte wie „spontane Ordnung“, die empirische Züge tragen, daher steht er Polanyi etwas näher als Mises. Mises selbst war jedoch ein extrem aprioristischer Denker.
Die Einschätzung „Die Österreichische Schule ist theoretischer“ ist also richtig, muss aber ergänzt werden
Eine genauere Formulierung wäre:
- Die Österreichische Schule ist „anti-mainstream, aber radikaler theoretisierend“ – Sie mag die Mathematik der Neoklassik nicht, aber sie will eine reinere, von Daten unberührte Deduktion
- Die Polanyi-Hirschman-Gruppe ist „anti-mainstream und empirischer“ – Sie mag die Mathematik der Neoklassik nicht, weil sie die reiche Realität abstrahiert
Eine Tabelle zur Veranschaulichung:
| Schwerpunkt auf Empirie | Wenig Empirie | |
|---|---|---|
| Wenig Formalisierung | Polanyi, Hirschman, Kornai | Österreichische Schule |
| Starke Formalisierung | Zeitgenössischer Mainstream (nach der ökonometrischen Revolution) | Allgemeine Gleichgewichtstheorie, reine Spieltheorie |
In dieser 2x2-Tabelle stehen die Polanyi-Gruppe und die Österreichische Schule beide im Feld „Anti-Mainstream“, aber in unterschiedlichen Zellen. Daher werden sie von Außenstehenden oft verwechselt (beide kritisieren den Mainstream), aber beim internen Vergleich stellt man fest, dass sie grundverschieden sind.
Ein interessantes Detail
Kornai selbst hat im Alter explizit zwischen sich und Hayek unterschieden. In By Force of Thought schreibt er: Er erkennt Hayeks großen Einfluss auf ihn an, insbesondere die Einsicht der „Wissensverteilung“; aber er stimmt Hayeks extremer Ablehnung des Wohlfahrtsstaates und der gemischten Wirtschaft nicht zu. Er hält Hayeks Idee der „spontanen Ordnung“ für eine echte Erkenntnis, die aber durch ideologische Verpackung zum Dogma wurde. Diese Art der „Methode übernehmen, Position ablehnen“ ist ganz im Stil von Polanyi und Hirschman – die Ablehnung, ein Gedankensystem als Ganzes zu übernehmen.
Polanyi und Hayek waren sogar direkte Gegner. The Great Transformation (1944) und Hayeks The Road to Serfdom (ebenfalls 1944) erschienen im selben Jahr und sind fast spiegelbildlich gegensätzlich – beide lehnen Totalitarismus ab, beide diagnostizieren die Krise des Liberalismus des 19. Jahrhunderts, aber mit völlig gegensätzlichen Rezepten. Polanyi sagt, der freie Markt selbst sei die Wurzel des Aufstiegs des Faschismus, Hayek sagt, die Planwirtschaft sei die Rutschbahn zum Totalitarismus. Diese beiden Bücher zusammen zu lesen ist äußerst spannend und stellt den wichtigsten Dialog der politischen Ökonomie des 20. Jahrhunderts dar.
Zusammenfassung:
Der osteuropäisch/mitteleuropäische Hintergrund ist kein Zufall, sondern das Produkt des spezifischen historischen Ereignisses der Emigration habsburgisch-jüdischer Intellektueller. Dieses Ereignis hat einen Großteil der konzeptionellen Sozialwissenschaft des 20. Jahrhunderts hervorgebracht.
Die Österreichische Schule und die Polanyi-Gruppe sind geografisch verwandt, teilen denselben Feind (den neoklassischen Mainstream), aber unterscheiden sich in Methode und Position. Sie sind Cousins, keine Parteigänger. Die Verwechslung entsteht, weil Außenstehende nur sehen, dass sie „beide den Mainstream ablehnen“, aber nicht sehen, dass ihre Gründe dafür völlig unterschiedlich sind.
Wenn Sie sich für diese Genealogie interessieren, empfehle ich ein Buch wärmstens: Malachi Haim Hacohens Karl Popper: The Formative Years. Es ist vordergründig eine Popper-Biografie, tatsächlich aber eine Gruppenbeschreibung des gesamten Wiener jüdischen Intellektuellenkreises – wie aus diesem Kreis die Österreichische Schule, der Wiener Kreis, die Psychoanalyse, die Brüder Polanyi hervorgingen, bis hin zu ihrer Zerstreuung im Exil. Es ist fast ein „kollektiver Ursprungsmythos dieser Gruppe von Menschen“.
Warum kamen aus Österreich später keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr?
Diese Frage ist sehr interessant, und die Antwort hat zwei Ebenen: Die Österreichische Schule als Denkströmung hatte später „keine bedeutenden Persönlichkeiten mehr“ und Österreich als Staat als Wissenszentrum verfiel – diese beiden Dinge hängen zusammen, sind aber nicht identisch. Zuerst zum zweiten Punkt, da er grundlegender ist.
Der Wissensverfall auf staatlicher Ebene Österreichs: 1938 war eine Klippe
Das Wien des frühen 20. Jahrhunderts war eines der wichtigsten Wissenszentren Europas, vergleichbar mit Berlin, Paris und London. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 geschah innerhalb weniger Jahre der heftigste einmalige Zusammenbruch in der Geschichte des menschlichen Denkens:
Vertriebene/Flüchtlinge (unvollständige Liste):
- Wirtschaftswissenschaft: Hayek, Mises, Schumpeter, Morgenstern, Machlup, Haberler, Rosenstein-Rodan
- Philosophie: Popper, Wittgenstein, Carnap, Otto Neurath, Hans Neurath (der Wiener Kreis emigrierte fast geschlossen)
- Physik/Mathematik: Schrödinger, Wolfgang Pauli, Kurt Gödel, Hans Bethe
- Psychoanalyse: Freud und sein gesamter Kreis
- Kunstgeschichte: Gombrich, Otto Pächt
- Rechtswissenschaft: Hans Kelsen
- Soziologie: Paul Lazarsfeld, Marie Jahoda
- Literatur: Zweig, Robert Musil (starb im Exil), Hermann Broch, Elias Canetti
Ermordete: Wien hatte vor dem Krieg etwa 180.000 Juden, nach dem Krieg etwa 5.000. Eine große Anzahl von Intellektuellen, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, starb in Konzentrationslagern.
Der entscheidende Punkt: Dies war kein einmaliger Verlust. Diese Menschen und ihre Schüler kamen nicht zurück. Die wirtschaftswissenschaftlichen, philosophischen und soziologischen Fakultäten der Universität Wien wurden nach dem Krieg praktisch aus den Trümmern wieder aufgebaut, mit fast keiner Kontinuität zur Vorkriegstradition. Die Exilanten ließen sich in Cambridge, Chicago, New York, an der LSE nieder, ihre Schüler waren britische und amerikanische Studenten, die Tradition setzte sich in Großbritannien und den USA fort, aber das geografische „Wien“ als Wissenszentrum war damit beendet.
Deutschland konnte nach dem Krieg in den 50er-60er Jahren sein akademisches System allmählich wieder aufbauen (wenn auch schwer angeschlagen), aber Österreich nicht – es war ein kleines Land, der Talentpool war ohnehin dünner, einmal die Kernschicht abgezogen, war sie nie wieder zu ersetzen. Das Schicksal war fast identisch mit dem von Budapest: Die Budapester Schule (Lukács, Mannheim, die Brüder Polanyi, die Gruppe der „Marsmenschen“-Wissenschaftler) wurde von den Nazis und später vom Stalinismus zweimal gesäubert, nach 1956 ging eine weitere Gruppe, und danach gab es nie wieder ein so dichtes Gedankenökosystem.
Nach dem EU-Beitritt Österreichs 1995 gab es eine gewisse Erholung, aber: Österreich hat heute ein ganz gutes kleinstaatliches Wissenssystem – die Universität Wien, das IHS, das IIASA sind in Ordnung – aber es ist kein Zentrum mehr, das Denkströmungen definieren kann. Seine heutige Position ist vergleichbar mit Belgien, Dänemark, Finnland – es leistet solide lokale Beiträge, ist aber kein weltklasse „Schauplatz“ mehr.
Der Niedergang der Österreichischen Schule als Denkströmung: sowohl interne als auch externe Gründe
Dies ist das spezifischere Problem. Warum hat die Österreichische Schule „als Strömung“ keine großen Persönlichkeiten mehr hervorgebracht? Mindestens vier Gründe.
1. „Geografische Entkopplung“ nach dem Exil
Die ältere Generation der Österreichischen Schule (Mises, Hayek, Schumpeter, Morgenstern) ließ sich nach dem Exil an verschiedenen Orten nieder:
- Mises: New York University (aber nur als Gastprofessor, nie mit einer regulären Festanstellung – das ist wichtig)
- Hayek: LSE, später Chicago (Committee on Social Thought, nicht die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät), später Freiburg
- Schumpeter: Harvard
- Morgenstern: Princeton, entwickelte die Spieltheorie
- Machlup, Haberler, Rosenstein-Rodan: verteilt auf verschiedene US-Universitäten
Das Problem: Sie bildeten an keinem Ort ein neues Zentrum. Die Gruppe um Polanyi und Hirschman war verstreut, weil sie ohnehin keine Schule bilden wollten; aber die Österreichische Schule wollte eine Schule bilden, konnte es aber nicht, weil es keine Person mit formaler institutioneller Macht gab, die Doktoranden an einem Ort ausbilden konnte.
Schumpeter hatte in Harvard einige Schüler (Samuelson hörte seine Vorlesungen, ging aber einen völlig anderen Weg), aber Schumpeter selbst war kein gläubiger Anhänger der „Österreichischen Schule“. Mises‘ Seminar in New York bildete Murray Rothbard, Israel Kirzner und andere aus, aber Mises war an der NYU ein von externen Mitteln finanzierter Gastprofessor, ohne das Recht, Doktortitel zu verleihen. Ohne formelles Doktoratsprogramm gibt es keine akademische Reproduktion, das ist tödlich.
2. Selbstmarginalisierung durch methodologische Wahl
Dies ist ein großer Unterschied zwischen der Österreichischen Schule und der Polanyi-Gruppe.
Die Polanyi-Hirschman-Gruppe lehnte Mathematik nicht ab, sie fand nur, dass die zeitgenössische Wirtschaftswissenschaft übermäßig mathematisiert sei. Hirschman konnte alle Mainstream-Modelle lesen, Kornai schrieb in seinen frühen Jahren Arbeiten über lineare Programmierung. Sie hatten mit dem Mainstream einen Gradualstreit, konnten also den Dialog aufrechterhalten.
Die Österreichische Schule lehnte grundsätzlich Mathematik und Ökonometrie ab, beginnend mit Mises. Mises‘ Human Action liest sich wie eine philosophische Monographie, fast ohne Gleichungen. Diese Haltung führte nach den 1950er Jahren zunehmend zur Selbstisolation:
- Der Mainstream durchlief in den 50er-70er Jahren die „Formalisierungsrevolution“ (die Welle um Samuelson)
- Ökonometrie wurde zur Kernausbildung in Doktoratsprogrammen
- Top-Zeitschriften veröffentlichten immer mehr nur mathematisierte Arbeiten
- Wer diese Sprache ablehnte, war auf dem Arbeitsmarkt systematisch ausgeschlossen
Hayek selbst sagte, als er 1974 den Nobelpreis erhielt, dass er glaube, die Wirtschaftswissenschaft sei in die falsche Richtung gegangen. Aber er sprach von außen – er selbst wurde nach den 1960er Jahren von den Mainstream-Wirtschaftsfakultäten eher als „Denker“ denn als „aktiver Wirtschaftswissenschaftler“ behandelt. Den Nobelpreis zu bekommen, war eher eine „Heiligsprechung durch Marginalisierung“: Alle erkennen an, dass man großartig ist, aber man forscht nicht in seinem Paradigma.
3. Interne Spaltung und Dogmatisierung
In den 50er-70er Jahren kam es zu einer schweren Spaltung innerhalb der Österreichischen Schule:
- Der Zweig Mises/Rothbard: extremer Fundamentalismus, aprioristische Deduktion, stark anti-staatlich, brachte schließlich die theoretische Grundlage des amerikanischen Libertarianism hervor, einige gingen sogar zum Anarchokapitalismus
- Der Zweig Hayek: relativ gemäßigt, erkannte die Rolle der Wissensevolution, spontanen Ordnung, kulturellen Evolution an, ließ dem Staat eine begrenzte Rolle („Die Verfassung der Freiheit“ unterstützt explizit eine Grundsicherung)
- Der Zweig Kirzner: konzentrierte sich auf Unternehmertheorie, Marktprozesse, methodologisch akademisch zurückhaltender
Der Rothbard-Zweig neigte zunehmend zu einer ideologischen Bewegung, verlor allmählich seinen akademischen Charakter. Der Hayek-Zweig wurde hauptsächlich von der politischen Philosophie und Rechtswissenschaft absorbiert, brachte auf wirtschaftswissenschaftlicher Ebene keine starke Schule hervor. Der Kirzner-Zweig bewahrte den akademischen Charakter, war aber zu eng, konnte sich nicht zu einem umfassend konkurrierenden Forschungsprogramm entwickeln.
Das Ergebnis dieser Spaltung: Die Energie der Österreichischen Schule floss zunehmend in die „Bewegung“ statt in die „Schule“. Institutionen wie das Mises Institute (in Alabama), das Cato Institute, die Foundation for Economic Education florierten, aber sie sind politische Advocacy-Organisationen, keine akademischen Einrichtungen. Die echte akademische Reproduktionskette war unterbrochen.
4. Ungünstiger historischer Zeitpunkt
Die Österreichische Schule erlebte in den 80er Jahren eine kleine Renaissance. Der Hintergrund war die Stagflationskrise, die den Kredit des Keynesianismus ruinierte, Risse innerhalb der neoklassischen Synthese, der Aufstieg von Reagan und Thatcher, Hayek erlangte beispiellosen politischen Einfluss. Aber diese Renaissance war hauptsächlich politischer und ideologischer Natur, nicht akademischer.
Akademisch übernahm die Position des „Anti-Keynes“ tatsächlich die Neue Klassische Makroökonomik (Lucas, Sargent, Prescott und ihre Schule). Sie rekonstruierten die mikroökonomischen Grundlagen der „Markträumung“ mit extrem mathematischen Methoden, sie standen der Österreichischen Schule inhaltlich nahe, aber methodisch völlig anders. Lucas sagte in Chicago, er habe Hayek gelesen, aber „in meinen Arbeiten nicht verwendet“ – diese Abgrenzung ist sehr aussagekräftig. Der politische Sieg der Österreichischen Schule wurde von der mathematisierten Neoklassik vollbracht, die Österreichische Schule selbst wurde abgehängt.
Die Transformation Osteuropas in den 90er Jahren war eigentlich das „Heimspiel“ der Österreichischen Schule – Berechnungsproblem, Preismechanismus, spontane Ordnung, das alles hatte die Österreichische Schule 70 Jahre zuvor vorhergesagt. Aber die tatsächlichen Führer der Transformationsökonomik waren Leute wie Kornai, Stiglitz, Sachs, kein einziger repräsentativer Ökonom der Österreichischen Schule spielte eine zentrale Rolle in der Transformationspolitik. Dies war die letzte verpasste Chance der Österreichischen Schule, in den Mainstream einzusteigen.
Wo steht die Österreichische Schule heute?
Auf reiner akademischer Ebene:
- Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der George Mason University ist heute der Ort, der der „Hochburg der Österreichischen Schule“ am nächsten kommt, mit Peter Boettke und Don Boudreaux. Sie betreiben ernsthafte akademische Forschung, aber die GMU-Fakultät bleibt im Mainstream-Ranking immer am Rand.
- An der NYU gibt es noch ein wenig von Kirzners Erbe, aber es ist sehr schwach
- Vereinzelte Leute in Europa: Jesús Huerta de Soto (Spanien), Hans-Hermann Hoppe (nach seiner Pensionierung an der UNLV), Jörg Guido Hülsmann (Universität Angers, Frankreich)
- In Wien selbst gibt es fast nichts mehr – das ist voller Ironie
Auf der Ebene der Gedankenbewegung (dieser Bereich ist sogar recht aktiv):
- Mises Institute (Auburn, Alabama): Rothbard-Linie, stark ideologisch gefärbt
- Cato Institute, Reason Foundation: politische Advocacy
- Die Kryptowährungs-Szene hat ein echtes Interesse an der Österreichischen Schule (die Designphilosophie von Bitcoin ist direkt mit der Geldtheorie der Österreichischen Schule verwandt)
- Ein Teil der theoretischen Ressourcen der US-Republikaner und der Libertarian Party
Eine Beobachtung: Das „Persönlichkeiten“-Problem der Österreichischen Schule ist eigentlich ein Problem der akademischen Reproduktionskette vs. der ideologischen Reproduktionskette. Die ideologische Kette ist sehr aktiv, aber sie produziert keine „akademischen Persönlichkeiten“ vom Kaliber eines Kornai oder Hirschman – sie produziert politische Advocacy-Akteure, politphilosophische Autoren, Online-Kommentatoren.
Ein letzter Vergleich
Wenn man das Schicksal der Österreichischen Schule mit dem der Polanyi-Hirschman-Gruppe vergleicht, wird es sehr interessant:
| Österreichische Schule | Polanyi-Hirschman-Gruppe | |
|---|---|---|
| Geografische Basis vor dem Exil | Zentrum Wien | Verstreut Wien-Budapest-Berlin |
| Neues Zentrum nach dem Exil? | Versucht (NYU, GMU), nicht erfolgreich | Nicht versucht, ohnehin verstreut |
| Methodologie | Zunehmend dogmatisch (aprioristische Deduktion) | Offen geblieben (empirisch + konzeptionell) |
| Verhältnis zum Mainstream | Konfrontation, Isolation | Koexistenz am Rand, kritischer Dialog |
| Reproduktion von Schülern | Durch Institutionen eingeschränkt | Interdisziplinär verstreut ausgebildet |
| Zeitgenössische Fortsetzung | Hauptsächlich in politischen Bewegungen | Hauptsächlich in interdisziplinärer Wissenschaft |
| Gibt es noch „große Persönlichkeiten“? | Kaum | Noch einige (Acemoglu, Mazzucato, Rodrik als Zweige) |
Ironischerweise: Die Österreichische Schule wollte eine Schule werden, konnte es aber nicht; die Polanyi-Gruppe wollte keine Schule werden, hat aber überlebt.
Der Grund lässt sich in einem Urteil zusammenfassen: Im akademischen Establishment der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war „hochorganisierter Anti-Mainstream“ ein toter Weg, „verstreut eindringender Anti-Mainstream“ konnte überleben. Die Österreichische Schule wollte eine systemische Festung gegen den Mainstream errichten, wurde aber von der Formalisierungswelle des Mainstreams umgangen. Die Polanyi-Gruppe versuchte nie, eine Festung zu errichten, sie versteckte sich in politikwissenschaftlichen, soziologischen, policy-schulischen, historischen Fakultäten und überlebte durch methodologische Guerilla-Taktiken.
Dies korrespondiert mit dem zuvor diskutierten Thema: Das Schicksal dieser Gruppe ist „verstreut, von ihren jeweiligen Teilgebieten absorbiert“. Das sieht wie eine Schwäche aus, aber im Vergleich zum Schicksal der Österreichischen Schule zeigt sich – es ist genau der Grund, warum sie fortbestehen konnte.
Ist Ayn Rand eine Libertäre?
Ja, aber ihre Beziehung zu dieser Strömung ist viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint – Libertäre begrüßen ihren Einfluss, sind aber nicht bereit, sie als „eine der Ihren“ anzuerkennen. Diese unbehagliche Beziehung lohnt sich, ausgeführt zu werden.
Zuerst die Begriffe klären
Der Begriff „Libertarian“ (Libertärer) umfasst im US-amerikanischen Kontext mehrere Unterströmungen, die alle eine Minimalregierung, freien Markt und Individualismus befürworten, aber auf völlig unterschiedlichen theoretischen Grundlagen beruhen:
- Österreichische Schule-Linie: Die Linie Mises-Hayek-Rothbard. Ausgehend von Wirtschaftswissenschaft und Erkenntnistheorie.
- Chicagoer Schule-Linie: Die Linie Friedman-Stigler. Ausgehend von positiver Wirtschaftswissenschaft, relativ gemäßigt.
- Public Choice-Linie: Die Linie Buchanan-Tullock. Ausgehend von politischer Theorie.
- Objektivismus-Linie (Objectivism): Der Zweig Rands. Ausgehend von Ethik und Metaphysik.
- Klassisch liberale Linie: Die ältere Tradition von Locke, Mill, fortgesetzt in der Gegenwart.
Rand gehört zur vierten Kategorie, und sie bestand darauf, dass sie keine Libertäre sei.
Dies ist entscheidend. Zu Lebzeiten lehnte sie das Label „libertarian“ wiederholt ab und bezeichnete Libertäre als „Diebe meiner Gedanken“ („hippies of the right“), „Anhängsel des Anarchismus“. Sie glaubte, der Libertarianism habe keine philosophische Grundlage – sie würden nur von politischen Schlussfolgerungen rückwärts nach Gründen suchen, während sie selbst glaubte, ein vollständiges deduktives System von der Metaphysik (objektive Existenz) über die Erkenntnistheorie (Vernunft) zur Ethik (rationaler Egoismus) zur Politikwissenschaft (Kapitalismus) bis zur Ästhetik aufgebaut zu haben.
Streng genommen: Rand ist eine geistige Ressource der Libertären, aber kein Mitglied der Libertären.
Ihr spezifisches Verhältnis zur Österreichischen Schule
Diese Sache ist recht interessant, in mehreren Schichten:
(1) Sie bewunderte Mises
Rand las Mises und schätzte ihn außerordentlich. 1958 schrieb sie Mises, er sei „der größte Wirtschaftswissenschaftler unserer Zeit“. Sie ließ alle Mitglieder ihres Kreises Human Action lesen. Der wirtschaftswissenschaftliche Hintergrund ihres Romans Atlas Shrugged trägt deutliche Spuren von Mises.
Mises war Rand gegenüber höflich, hielt aber Distanz. Mises sagte privat, Rand sei „der mutigste Mensch, den ich kenne“, hielt aber ihre philosophischen Argumente für problematisch. Sie respektierten einander, aber unterstützten sich nicht gegenseitig.
(2) Ihr Verhältnis zu Hayek war feindselig
Dies wird oft übersehen. Rand hasste Hayek. In ihren privaten Notizen beschimpfte sie Hayeks The Road to Serfdom heftig und sagte, Hayek sei „einer der gefährlichsten Feinde des Kapitalismus“.
Warum? Weil Hayek in The Road to Serfdom einige „minimale Staatsfunktionen“ anerkannte – wie eine grundlegende soziale Sicherung, begrenzte Eingriffe bei Marktversagen. In Rands Augen war dies ein prinzipieller Kompromiss, gefährlicher als offener Sozialismus, weil er vorgab, ein Verbündeter des Kapitalismus zu sein, ihn aber verriet.
Rands Abneigung gegen Kompromisse war absolut. Sie verhielt sich gegenüber Friedman, Buckley und allen „gemäßigten Rechten“ genauso. In ihren Augen gab es nur vollständigen Kapitalismus und unvollständigen Kapitalismus, und unvollständiger Kapitalismus war im Wesentlichen Sozialismus.
(3) Ihr Verhältnis zu Rothbard war ein Bruch
Rothbard war in seinen frühen Jahren Mitglied von Rands Kreis und nahm an ihren Seminaren in ihrer Manhattaner Wohnung teil (der Kreis nannte sich halb scherzhaft „The Collective“). Später kam es zum Bruch zwischen Rothbard und Rand – einerseits aufgrund persönlicher Konflikte (Rand hatte einen starken Kontrollwillen gegenüber ihren Anhängern), andererseits, weil Rothbard zum Anarchokapitalismus tendierte, während Rand auf einem Minimalstaat bestand (mit den drei Funktionen Polizei, Gerichte, Militär).
Rothbard schrieb später ein äußerst bösartiges satirisches Theaterstück Mozart Was a Red, das Rands Kreis wie einen Kult verspottete. Die beiden waren bis zu ihrem Tod verfeindet, aber sie hatten den größten Einfluss auf die Formung des zeitgenössischen amerikanischen Libertarianism.
Warum Rand von der ernsthaften akademischen Welt nicht ernst genommen wird
Dies ist die entscheidende Frage. Rands politischer Einfluss ist enorm – Greenspan war Mitglied ihres Kreises (Mitglied von „The Collective“), Paul Ryan erklärte öffentlich, sie habe ihn beeinflusst, Peter Thiel (Mitgründer von PayPal/Palantir) zitiert sie wiederholt, die gesamte rechte Szene im Silicon Valley trägt deutliche Züge von Rand. Aber in der akademischen Philosophie und Wirtschaftswissenschaft wird sie praktisch nicht diskutiert. Dafür gibt es mehrere Gründe:
(1) Ihre Schreibweise schließt akademische Normen aus
Rands Hauptwerke sind Romane (The Fountainhead 1943, Atlas Shrugged 1957), ihre philosophischen und wirtschaftswissenschaftlichen Ausführungen sind in lange Reden von Romanfiguren eingestreut (John Galts Rede in Atlas ist fast 70 Seiten lang). Ihre Sachbücher (The Virtue of Selfishness, Capitalism: The Unknown Ideal) sind Aufsatzsammlungen, ohne jede akademische Argumentationsform – keine Literaturangaben, keine Anerkennung der berechtigten Punkte von Gegnern, keine einschränkenden Bedingungen.
Akademische Philosophen sehen in ihren Argumenten sofort Zirkelschlüsse, konfuse Begriffe, Strohmann-Argumente. Ihre Kritik an Kant wird am meisten kritisiert – die meisten Kant-Forscher glauben, sie habe Kant gar nicht verstanden, aber sie bezeichnete Kant als „den bösartigsten Philosophen der Menschheitsgeschichte“.
(2) Ihr deduktives System hält einer Überprüfung nicht stand
Sie behauptete, vom Axiom „Existenz existiert“ („Existence exists“) ausgehend die gesamte Ethik und Politikwissenschaft deduzieren zu können. Aber zwischen jedem Schritt der Deduktion gibt es riesige Sprünge. Zum Beispiel von „Der Mensch ist ein vernünftiges Tier“ zu „Vernunft braucht Freiheit“ zu „Freiheit braucht Kapitalismus“ – jeder dieser Schritte benötigt eine Vielzahl zusätzlicher Prämissen, die Rand als selbstverständlich voraussetzt.
Hayek, Nozick, Friedman hatten ihre eigenen philosophischen Probleme, aber sie erkannten zumindest die Komplexität der Argumentation an. Rands Vorgehen war, alle Gegner als „unvernünftig“ oder „böse“ abzustempeln, eine Haltung, die in der akademischen Welt nicht ernst genommen werden kann.
(3) Ihr Kreis wirkte wie ein Kult
Der interne Kreis „The Collective“ hatte eine strenge Gedankendisziplin. Mitglieder wurden aufgefordert, alle Ansichten Rands zu akzeptieren (einschließlich ihres Musikgeschmacks – sie hielt nur Rachmaninoff für einen echten Musiker, Mitglieder, die die Beatles mochten, bedurften „moralischer Verurteilung“). Personen wurden wegen kleiner Meinungsverschiedenheiten ausgeschlossen. Der dramatischste Fall war ihr Bruch mit Nathaniel Branden (ihrem Liebhaber und designierten Nachfolger) im Jahr 1968, der zur Spaltung der gesamten objektivistischen Bewegung führte.
Als diese Dinge in der akademischen Welt bekannt wurden, sank die Bewertung ernsthafter Philosophen von „problematisch“ auf „nicht ernsthaft“.
(4) Die linke Tendenz der akademischen Welt
Fairerweise muss man sagen, dass dies auch ein Faktor ist. Selbst wenn Rands Argumente weniger schlecht gewesen wären, hätten die überwältigend linken Tendenzen der amerikanischen Philosophie- und Soziologiefakultäten es ihr schwer gemacht, ernsthaft diskutiert zu werden. Aber dies ist ein sekundärer Grund – Nozick war viel konservativer als Rand, wurde aber in der akademischen Welt ernst genommen, der Unterschied liegt in der Qualität von Nozicks Argumentation.
Wo liegt ihr tatsächlicher Einfluss?
Rands Einfluss umging das akademische Establishment und drang direkt in drei Bereiche ein:
(1) Die amerikanische konservative politische Bewegung
Beginnend mit Barry Goldwater, über Reagan, die Tea-Party-Bewegung, Paul Ryan, Rand Paul (Ron Paul benannte seinen Sohn direkt nach Rand), ist Rand eine wichtige Ressource für die politische Vorstellungskraft der amerikanischen Rechten. Dieser Einflusskanal benötigt keine akademische Legitimität, er lebt von der Überzeugungskraft der Romanerzählung.
(2) Unternehmens- und Unternehmerkultur
Atlas Shrugged schildert eine Welt des „Streiks der Schöpfer“ – geniale Unternehmer werden von Steuern und Regulierung unterdrückt und ziehen sich schließlich kollektiv in ein Tal zurück. Diese Erzählung findet großen Anklang in der amerikanischen CEO-Schicht, bei Silicon-Valley-Gründern und an der Wall Street. Der Gründer von Whole Foods, John Mackey, die frühe Kultur von Uber, das Weltbild von Peter Thiel und Marc Andreessen tragen alle Spuren von Rand.
Die frühe Benennung des Tesla „Model S“ soll angeblich mit Rands Roman zusammenhängen (obwohl Musk selbst eine ambivalente Haltung zu Rand hat).
(3) Der Massenlesermarkt
Atlas Shrugged ist einer der meistverkauften Romane in den USA und verkauft sich bis heute jedes Jahr mehrere hunderttausend Exemplare. In Umfragen zu „dem Buch, das Sie am meisten beeinflusst hat“ liegt es seit langem auf Platz zwei nach der Bibel – diese Zahl allein zeigt ihre kulturelle Durchdringung.
Also in der Genealogie, die wir zuvor diskutiert haben
Rand ist ein Gegenbeispiel – eine Denkerin, die ein vollständiges deduktives System, eine strenge Philosophie, eine „Schule“ aufbauen wollte. Ihre Methodologie ist genau das, was die Polanyi-Hirschman-Gruppe am meisten ablehnt:
- Alles aus Axiomen deduzieren
- Empirische Korrektur ablehnen
- Komplexität und Mehrdeutigkeit ablehnen
- Dialog mit Gegnern ablehnen
Methodologisch ist sie noch österreichischer als die Österreichische Schule – aprioristischer, dogmatischer, empiriefeindlicher. Ironischerweise führte diese extreme methodologische Purismus dazu, dass sie völlig außerhalb des akademischen Establishments lebte – sowohl weil sie methodologisch von der akademischen Welt nicht akzeptiert werden konnte, als auch weil das, was sie tun wollte (eine Bewegung aufbauen, Kultur prägen, Politik beeinflussen), tatsächlich nicht in der akademischen Welt stattfand.
Ein bedenkenswerter Vergleich
Rand und Polanyi sind fast spiegelbildlich gegensätzlich:
| Rand | Polanyi | |
|---|---|---|
| Herkunft | Jüdische Familie aus St. Petersburg | Jüdische Familie aus Budapest |
| Erlebte Revolution | Russische Revolution (Familienvermögen konfisziert) | Ungarische Revolution |
| Zeitpunkt des Exils | 1926 in die USA | 1933 nach Großbritannien |
| Urteil über den Markt | Kapitalismus ist die höchste moralische Form | Der freie Markt ist eine künstliche Missbildung des 19. Jahrhunderts |
| Methodologie | Vollständiges System aus Axiomen deduzieren | Schlüsselkonzepte aus der Geschichte induzieren |
| Politische Haltung | Extrem laissez-faire | Demokratischer Sozialismus |
| Einflusskanal | Populärkultur + politische Bewegung | Akademische Welt (Anthropologie, Soziologie, Geschichtswissenschaft) |
| Akademische Legitimität | Nahezu null | Interdisziplinärer Klassiker |
Dieselbe historische Erfahrung (osteuropäische Juden fliehen vor dem Totalitarismus), derselbe Hass auf den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts, führen zu fast völlig gegensätzlichen Schlussfolgerungen. Diese beiden Personen zusammen zu lesen, wäre sehr interessant – sie antworten beide auf dieselbe grundlegende Frage (das Verhältnis von Markt und Staat, das Verhältnis von Individuum und Kollektiv), gehen aber in entgegengesetzte Extreme.
Wenn Sie Rand ernsthaft kennenlernen wollen, vermeiden Sie ihre eigenen Sachbücher und lesen Sie diese beiden:
- Jennifer Burns Goddess of the Market (2009) – Eine ernsthafte Historikerin schreibt eine ausgewogene und tiefgehende Rand-Biografie
- Anne Heller Ayn Rand and the World She Made (2009) – Eine weitere Biografie aus demselben Jahr, aus kulturhistorischer Perspektive
Diese beiden Bücher galten bei ihrem Erscheinen als Zeichen dafür, dass Rand in die ernsthafte akademische Diskussion eintrat – beachten Sie, es war die Geschichtswissenschaft, die eintrat, nicht die Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft. Dieses Detail allein zeigt ihre Position in der akademischen Landkarte.
Ist Ayn Rand so arrogant? lol. Was genau ist das vollständige deduktive System von der Metaphysik (objektive Realität) über die Erkenntnistheorie (Vernunft) zur Ethik (rationaler Egoismus) zur Politik (Kapitalismus) bis zur Ästhetik? Ich habe „Der Ursprung“ gelesen und mochte es sehr, aber die Zusammenfassung von „Atlas wirft die Welt ab“ wirkt auf mich zu abstrakt, ich kann es nicht glauben. „Der Ursprung“ konzentriert sich auf den individuellen Geist und die Ästhetik, das fand ich großartig, aber wenn sie auf Wirtschaft usw. ausweitet, finde ich das eher fragwürdig, und ihre Philosophie ist auch nicht so toll; die Rede in „Der Ursprung“ fand ich auch nur mittelmäßig.
Sind Greenspan und Rothbard die nächste Generation?
Ha, ich finde deine Einschätzung sehr treffend – „Der Ursprung“ ist Rands Höhepunkt, danach hat sie sich in Bereiche vorgewagt, die sie nicht beherrschte. Dieses Bauchgefühl wird von ernsthaften Rand-Forschern geteilt, ich führe das im Folgenden aus.
Zuerst zu den Generationen von Greenspan und Rothbard
Du hast richtig vermutet, sie gehören zur nächsten Generation.
- Rand wurde 1905 geboren
- Rothbard wurde 1926 geboren (21 Jahre jünger als Rand)
- Greenspan wurde 1926 geboren (gleich alt)
- Nathaniel Branden (ihr engster Schüler und Liebhaber) wurde 1930 geboren (25 Jahre jünger)
- Leonard Peikoff (ihr designierter philosophischer Erbe) wurde 1933 geboren (28 Jahre jünger)
Der Kreis „The Collective“ bestand also eigentlich aus einer Gruppe von 20-Jährigen, die sich um die 40-jährige Rand scharte. Sie war die Hohepriesterin, sie waren die Jünger. Dieser Altersunterschied ist auch der Grund, warum der Kreis schließlich sektenartige Züge annahm – es war keine Debatte unter gleichberechtigten Denkern, sondern eine starke, ältere Persönlichkeit mit einer Gruppe sie bewundernder junger Leute.
Greenspan kam 1952 im Alter von 26 Jahren in den Kreis, als er noch an der Columbia University promovierte. Er schrieb später einige Kapitel zur Ökonomie für Capitalism: The Unknown Ideal – er war also nicht nur „Kreismitglied“, sondern auch Mitautor des offiziellen theoretischen Systems. Diese Tatsache wurde später, als er Vorsitzender der Federal Reserve war, immer wieder thematisiert: Ein Objektivist, der öffentlich gegen Zentralbanken war, wurde Zentralbankchef – eine köstliche Ironie. Rothbard nutzte dies natürlich für bissige Kommentare.
Zum Inhalt des „vollständigen deduktiven Systems“
Ich erkläre zunächst, wie Rand es selbst darstellte, und dann, warum es nicht stichhaltig ist.
Metaphysische Ebene: Objektivistische Ontologie
Kernaussage: „Existenz existiert“ (Existence exists), „A ist A“ (A is A, in Anlehnung an Aristoteles‘ Satz der Identität).
Ihre Bedeutung: Die Realität ist objektiv, unabhängig vom Bewusstsein und erkennbar. Das Bewusstsein erschafft keine Realität, es kann sie nur erkennen. Sie lehnt daher ab:
- jede Kantische Unterscheidung zwischen „Phänomen“ und „Ding an sich“
- jede transzendente Ontologie der Religion
- jeden Relativismus und Skeptizismus
- jede Behauptung, die Realität sei vom Geist konstruiert
Auf dieser Ebene beruft sie sich auf Aristoteles und lehnt die Linie Platon-Kant-Hegel als „Mystizismus“ ab.
Erkenntnistheoretische Ebene: Vernunft als einziges Erkenntniswerkzeug
Kernaussage: Vernunft (reason) ist das einzige wirksame Erkenntnismittel des Menschen, ihre Methode ist Logik plus empirische Beobachtung. Sie lehnt ab:
- Glauben (faith) als Erkenntniswerkzeug
- Intuition, Instinkt, Emotion als Erkenntnisquellen
- jede Form von Skeptizismus
- jedes „kollektive Wissen“ oder „konventionelles Wissen“
Sie hat ein spezielles Konzept namens „concept formation“ – wie der Mensch aus Sinnesdaten abstrakte Begriffe bildet. Sie schrieb ein Buch Introduction to Objectivist Epistemology dazu. Dieses Buch ist ihr akademischstes Werk, aber es wurde auch am stärksten von professionellen Erkenntnistheoretikern kritisiert – sie hätten kaum Kenntnis der Fortschritte der Erkenntnistheorie des 20. Jahrhunderts (die gesamte analytische Philosophie nach Frege las sie kaum).
Ethische Ebene: Rationaler Egoismus
Dies ist ihr markantester Teil. Die Kernargumentation ist etwa:
- Wert (value) ist ein Begriff, der nur für das Leben Sinn ergibt – nur Lebewesen haben eine Unterscheidung zwischen „förderlich/schädlich“
- Daher ist „Leben“ der ultimative Maßstab für Werte
- Für den Menschen als rationales Tier ist sein eigenes Leben sein ultimativer Wert
- Daher ist das Verfolgen des eigenen rationalen Eigeninteresses moralisch
- Altruismus ist umgekehrt unmoralisch – er verlangt, dass man sich für andere opfert
Ihr entscheidender Kniff war die Neudefinition des Wortes „selfishness“. Im alltäglichen Englisch hat „selfish“ eine negative Konnotation (egoistisch), sie verwendete es positiv im Sinne von „sich rational um seine langfristigen Interessen kümmern“. Sie unterschied auch zwischen „rationalem Eigeninteresse“ und kurzsichtiger Vorteilsnahme – letzteres verstoße gegen das wahre Eigeninteresse.
Diese Ethik hat eine entscheidende Nebenwirkung: Sie folgert, dass „die richtige Beziehung zwischen Menschen der freiwillige Austausch ist“. Zwang, Betrug, Ausbeutung verletzen das rationale Eigeninteresse beider Seiten. Daher führt die Ethik logisch zur Politik: Die Gesellschaft muss auf freiwilligem Austausch beruhen.
Politische Ebene: Laissez-faire-Kapitalismus
Kernaussage: Das einzig moralische Gesellschaftssystem ist der vollständige Laissez-faire-Kapitalismus – der Staat hat nur drei Aufgaben:
- Polizei (Schutz der Bürger vor innerstaatlicher Gewalt)
- Gerichte (Schlichtung von Streitigkeiten)
- Militär (Schutz vor äußerer Invasion)
Jede staatliche Tätigkeit darüber hinaus (Steuern, Regulierung, Sozialhilfe, öffentliche Bildung, Zentralbank, Kartellrecht, sogar öffentliche Straßen) betrachtet sie als gewaltsamen Eingriff in die individuellen Rechte.
Sie lehnt alle Formen der gemischten Wirtschaft ab. Sie glaubte, die USA hätten sich ab dem späten 19. Jahrhundert in die falsche Richtung entwickelt (Antitrustgesetze, Einkommensteuer, Federal Reserve), das 20. Jahrhundert sei ganz in den Kollektivismus abgedriftet. In Capitalism: The Unknown Ideal sagt sie: „Der wahre Kapitalismus wurde nie praktiziert“ (ein Satz, der formal perfekt dem marxistischen Satz „Der wahre Kommunismus wurde nie praktiziert“ entspricht – eine oft verspottete Parallele).
Ästhetische Ebene: Romantischer Realismus
Sie hatte tatsächlich eine recht systematische Theorie zur Ästhetik, niedergelegt in The Romantic Manifesto. Kernaussagen:
- Kunst ist „die selektive Nachschöpfung der Realität gemäß den metaphysischen Werturteilen des Künstlers“
- Kunst sollte zeigen, was der Mensch sein könnte, nicht „was der Mensch ist“
- Romantik (Darstellung heroischer, willensstarker, werteverfolgender Figuren) ist die höchste Kunstform
- Naturalismus (Darstellung gewöhnlicher Menschen in gewöhnlichen Umgebungen) ist minderwertige Kunst
- Modernismus (abstrakt, fragmentiert, nihilistisch) ist Anti-Kunst
Sie bewunderte Victor Hugo, Dostojewski (obwohl sie seine Weltanschauung ablehnte), Rachmaninow, bestimmte Hollywood-Filme einer bestimmten Epoche. Sie verabscheute Tolstoi, Shakespeares Tragödien, impressionistische Maler, Jazz, fast den gesamten Modernismus des 20. Jahrhunderts.
Sie bezeichnete ihr eigenes Werk als „romantischen Realismus“ – deshalb sind Roark in The Fountainhead und John Galt in Atlas Shrugged solche fast göttlichen Heldenfiguren. Sie zeigen nicht, „wie die Menschen sind“, sondern „wie die Menschen sein sollten und könnten“.
Warum „Der Ursprung“ gut ist und „Atlas“ nicht
Dein Bauchgefühl ist völlig richtig. Der Unterschied zwischen den beiden Büchern lässt sich so verstehen:
„Der Ursprung“ (1943) ist ein Roman über die individuelle Seele
Sein Kern ist die Figur Howard Roark – ein Architekt, der sich weigert, sich nach den Erwartungen anderer zu formen. Das eigentliche Thema des Buches ist psychologische Unabhängigkeit: Was bedeutet es, ohne die Bewertung anderer zu leben? Was bedeutet es, seine eigenen Wertmaßstäbe aus seiner eigenen Seele zu entwickeln, anstatt sie von gesellschaftlichen Normen zu erben?
Dieses Thema benötigt Rands gesamtes philosophisches System nicht. Man muss nicht an den Laissez-faire-Kapitalismus glauben, um von Roark berührt zu werden. Man muss nicht zustimmen, dass „Altruismus böse ist“, um die traurige Anpassertyp-Persönlichkeit von Peter Keating zu spüren. Die Kraft dieses Buches kommt von der präzisen Darstellung eines psychologischen Typs – eines von innen angetriebenen Menschen, der nicht von externer Anerkennung definiert wird.
Roarks Rede vor Gericht enthält zwar einige peinliche Rand’sche Predigten, aber ihre emotionale Wahrheit ist größer als ihre argumentative Logik. Der Leser fühlt sich nicht „durch Argumente überzeugt“, sondern „erkannt“ – viele Leser von The Fountainhead haben das Gefühl, Roark beschreibe etwas in ihnen, das unterdrückt wurde.
Als Rand dieses Buch schrieb, sah sie sich noch nicht als „Philosophin“. Sie wollte eine Romanschriftstellerin sein, die über Helden schreibt. Diese Selbstwahrnehmung passte zu ihr.
„Atlas wirft die Welt ab“ (1957) dehnt alles auf Bereiche aus, die es nicht aushalten
13 Jahre später versuchte sie, die Einsichten aus The Fountainhead über das Individuum zu einem ganzen System aus Ökonomie, Politik, Metaphysik und Erkenntnistheorie auszuweiten. Das Ergebnis ist – dein Bauchgefühl – fragwürdig.
Die Probleme liegen auf mehreren Ebenen:
(1) Auf ökonomischer Ebene war sie ein Dilettant
Rand hatte keine ökonomische Ausbildung. Sie las Mises, aber ihr Verständnis von Ökonomie blieb auf der Ebene „Staatseingriffe sind schlecht, Unternehmer sind gut“ stehen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch in Atlas hat keinen ernsthaften Mechanismus – die Industriellen streiken kollektiv, und der Staat bricht zusammen. Das ist eine moralische Fabel, keine ökonomische Analyse. Mises‘ eigene Analysen von Marktprozessen, Preismechanismen und Berechnungsproblemen sind in Atlas kaum zu finden.
(2) Die Figuren werden zu Sprachrohren der Philosophie
In The Fountainhead ist Roark noch ein Mensch mit einer inneren Welt – er liebt Architektur, seine Beziehung zu Dominique ist komplex, seine Freundschaft mit Wynand hat echten Schmerz. John Galt, Francisco und Rearden in Atlas sind im Grunde nur noch Sprachrohre für Rands Ansichten. Sie sprechen wie in Reden, ihre „Gefühle“ werden von Argumenten angetrieben.
Am typischsten ist Dagny Taggart – sie hätte Rands komplexeste Heldin sein können, aber sie wird ebenfalls von den Reden erdrückt. Ihre Beziehungen zu drei Männern (Francisco, Rearden, Galt) sind jeweils eine „Stufe des philosophischen Fortschritts“, keine echten Beziehungen.
(3) John Galts 70-seitige Rede
Dies ist der berühmteste und meistkritisierte Teil von Atlas. Gegen Ende des Romans lässt Rand John Galt per Radio die gesamte objektivistische Philosophie dem Land verkünden – über 70 Seiten. Diese Rede lässt die Erzählung völlig zum Stillstand kommen – die Geschichte hält an, damit die Autorin durch den Mund einer Figur ihre Weltanschauung darlegen kann.
Viele Leser geben hier auf. Selbst Rands Bewunderer geben zu, dass dies ein struktureller Fehler ist – aber Rand bestand darauf, weil sie glaubte, der Leser müsse das vollständige philosophische System akzeptieren, nicht nur von der Geschichte berührt werden.
Dies spiegelt ihre Wandlung wider: Von der Romanschriftstellerin zur Prophetin. Sie wollte nicht mehr, dass der Leser von der Geschichte bewegt wird, sondern dass er dem System beitritt. Nach Atlas schrieb sie kaum noch Romane, sondern wandte sich philosophischen Essays und Vorträgen zu. Von der Schriftstellerin zur Hohepriesterin – Atlas ist der Wendepunkt.
Zum Urteil „philosophisch fragwürdig“
Dein Urteil deckt sich mit dem professioneller Philosophen. Die zeitgenössische akademische Philosophie ist sich fast einig, dass Rands philosophische Argumentation von geringer Qualität ist. Konkrete Probleme:
(1) Sie verwendet wiederholt ein „Schwarz-Weiß“-Argumentationsmuster
Rands typische Argumentationsstrategie: Sie präsentiert zwei extreme Optionen und stellt alle Zwischenpositionen als „Ausweichversuche“ dar. Zum Beispiel:
- Entweder vollständige objektive Realität oder vollständiger Relativismus
- Entweder vollständige Vernunft oder vollständiger Mystizismus
- Entweder vollständiger Egoismus oder vollständige Selbstaufopferung
- Entweder vollständiger Laissez-faire-Kapitalismus oder vollständiger Totalitarismus
Aber fast alle ernsthaften Philosophen arbeiten im Zwischenbereich. Die Realität als objektiv anerkennen, aber die Grenzen der Erkenntnis eingestehen; die Vernunft anerkennen, aber die Rolle der Emotionen; den Egoismus anerkennen, aber die Fürsorge für andere – diese Positionen sind kein „Ausweichen vor der Wahl“, sondern differenzierteres Denken. Rand verurteilt sie alle als „Kompromiss“ und „böse“, das ist keine Argumentation, sondern Rhetorik.
(2) Ihre „Deduktionen“ sind oft Definitionsspiele
Sie behauptet, von „Existenz existiert“ zum Kapitalismus zu deduzieren. Tatsächlich definiert sie ständig Schlüsselbegriffe neu:
- „selfishness“ wird neu definiert als „rationales langfristiges Eigeninteresse“
- „altruism“ wird neu definiert als „vollständige Selbstaufopferung bis zum Tod“
- „capitalism“ wird neu definiert als „nie verwirklichte Idealform“
- „reason“ wird neu definiert als Ausschluss aller Erkenntnisformen, die sie nicht mag
Durch diese Definitionen macht sie ihre Schlussfolgerungen definitionsgemäß wahr – aber sie verlieren den Kontakt zur realen Welt. Ein echter Altruist (wie Mutter Teresa, Martin Luther King) wäre nach ihrer Definition kein Altruist mehr, weil auch sie eine gewisse Befriedigung daraus ziehen. Ein logisch nicht falsifizierbares System ist ein Warnsignal in der Philosophie.
(3) Sie führt keine ernsthafte Auseinandersetzung mit Gegnern
Jeder ernsthafte Philosoph wird die stärkste Version des Gegners präsentieren und dann widerlegen („Steel-manning“). Rand tut das Gegenteil – sie greift immer die schwächste Version des Gegners an und missversteht sie oft völlig. Ihre „Kritik“ an Kant beruht fast vollständig auf Fehlinterpretationen. Ihre Kritik am Altruismus basiert auf einer extremen Version, die kein ernsthafter Ethiker vertritt.
Deshalb nehmen professionelle Philosophen sie nicht ernst – nicht weil ihre Schlussfolgerungen zu extrem sind, sondern weil ihre Argumentation nicht den akademischen Standards entspricht. Nozick ist ein extremer Libertärer, aber Nozick führt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Rawls, versteht die Positionen, die er ablehnt, und wird daher in der akademischen Welt ernsthaft diskutiert. Rand verweigert diese Haltung des Dialogs.
Wie man Rand also sehen sollte
Ich finde die fairste Bewertung ist:
Sie war eine Romanschriftstellerin und kulturelle Figur mit wichtigen Einsichten, aber keine gute Philosophin.
Sie hat etwas Reales im 20. Jahrhundert erfasst – das Gefühl der Unterdrückung individueller Kreativität durch Bürokratie, die Abneigung gegen vulgären Kollektivismus, die moralische Unterscheidung zwischen „Schöpfern“ und „Schmarotzern“. Diese Einsichten fanden in The Fountainhead ihren besten künstlerischen Ausdruck, weil die Kunst ihr erlaubte, durch Bilder zu vermitteln, ohne strenge Argumentation.
Aber als sie versuchte, diese Einsichten zu einem vollständigen philosophischen System auszuweiten, überschritt sie ihre Fähigkeiten. Sie hatte keine philosophische Ausbildung, las ihre Gegner nicht, akzeptierte keine Kritik, daher ist ihr „System“ eigentlich eine Reihe leidenschaftlicher Urteile, verpackt in philosophische Terminologie.
Viele große Romanschriftsteller haben dieses Problem. Tolstoi sah sich im Alter auch als moralischen Propheten und schrieb eine Menge schlechter moralischer Abhandlungen. Solschenizyn wandte sich im Alter einer politischen Theologie zu, die nicht ernst genommen werden konnte. Der Künstler, der zum Propheten wird, ist eine häufige Tragödie – sie wissen nicht, dass ihre Einsichten künstlerischer Natur sind, sondern halten sie für argumentativ, und verdünnen dann die Kraft der Kunst mit der Sprache der Argumentation.
Wenn du nur The Fountainhead liest und dann aufhörst, hast du das Beste von Rand erfasst. Atlas zu lesen dient dem vollständigen Verständnis, aber es ist kein Verlust, Atlas nicht zu lesen – du weißt bereits, was sie sagen will, der Rest ist nur, dasselbe mit mehr Umfang und schlechterer Romantechnik noch einmal zu sagen.
Von ihren philosophischen Sachbüchern empfehle ich nur zwei als repräsentativ:
- „The Objectivist Ethics“ (in The Virtue of Selfishness) – der Kern ihrer ethischen Argumentation, etwa 30 Seiten, zeigt die tatsächliche Qualität ihres Denkens
- „What Is Capitalism?“ (in Capitalism: The Unknown Ideal) – der Kern ihrer politischen Philosophie
Nach der Lektüre dieser beiden weißt du ungefähr, was ihr System ist und warum die akademische Welt es nicht akzeptiert. Das ist effizienter als die 1200 Seiten von Atlas.
Eine letzte Beobachtung
Du hast erwähnt, dass du die Rede in The Fountainhead auch „nur mittelmäßig“ fandest – auch das ist sehr treffend. Roarks Gerichtsrede hat im Kontext des Romans eine Wirkung (weil wir uns um Roark als Person sorgen), aber isoliert als Argumentation betrachtet ist sie nicht stark. Das ist Rands Merkmal: Ihre Stärke ist narrativ, bildhaft, emotionale Identifikation; jedes Mal, wenn sie „reine Argumentation“ versucht, zeigt sie ihre Schwächen.
Dies ist auch der grundlegende Unterschied zwischen ihr und Dostojewski – sie verglich sich oft mit ihm, aber Dostojewskis Größe liegt gerade darin, dass er gegensätzlichen Ansichten eine vollständige Persönlichkeit und Argumentation gibt (Iwans Anklage gegen Gott ist überzeugender als die Verteidigung jedes Gläubigen). Rands gegnerische Figuren sind Strohpuppen. Sie ist monophon, Dostojewski ist polyphon – das ist die berühmte Unterscheidung von Bachtin.
Also stimme ich deinem Urteil „fragwürdig“ vollkommen zu, und dieses Urteil zeigt, dass deine Leseintuition gut ist. The Fountainhead zu mögen, aber Atlas skeptisch gegenüberzustehen – das ist die Reaktion der meisten Rand-Leser mit ernsthafter literarischer Bildung. Die gegenteilige Reaktion (Atlas mehr zu lieben als The Fountainhead) tritt normalerweise bei Lesern auf, die Rand eher als ideologische Ressource denn als Literatur betrachten.
Es gibt also designierte Erben? Das ist ja zum Lachen.
Greenspan ist auch schwer zu fassen. Wie war sein ideologischer Werdegang?
Wer ist Bachtin?
Ha, drei Fragen getrennt beantwortet. Die Sache mit dem „designierten Erben“ ist auf jeden Fall eine ausführliche Erklärung wert, die Geschichte ist dramatischer als Atlas.
Die Seifenoper um den designierten Erben
Rands Geschichte erinnert an die Übergabe der Meisterschaft in einem Wuxia-Roman von Jin Yong.
Erster Nachfolger: Nathaniel Branden
Branden schrieb Rand 1950 im Alter von 19 Jahren einen bewundernden Brief, wurde nach einem Treffen sofort in den inneren Kreis aufgenommen. Er war 25 Jahre jünger als Rand, jung, intelligent, charismatisch.
Dann wurde es kompliziert:
1954 entschied Rand, dass sie und Branden eine sexuelle Beziehung haben sollten. Sie war 49, verheiratet (mit dem sanften Maler Frank O'Connor), Branden war 24, gerade mit Barbara Weidman verheiratet (ebenfalls Kreismitglied). Rand berief eine Vier-Personen-Konferenz ein – sie, O'Connor, Branden, Barbara – und verkündete, dass aufgrund der logischen Notwendigkeit der objektivistischen Philosophie sie und Branden die beiden wertvollsten Menschen im Kreis seien, daher sei ihre gegenseitige Anziehung rational gerechtfertigt. Sie verlangte von den beiden Ehepartnern, „rational“ einen festen Terminplan von zwei Nachmittagen pro Woche zu akzeptieren.
Beide Ehepartner wurden gezwungen zuzustimmen. O'Connor begann danach stark zu trinken. Barbara beschrieb diese Zeit in ihren Memoiren als von häufigen Angstattacken geprägt. Der gesamte Kreis wusste davon, aber alle wurden aufgefordert, es als rationale Regelung zu akzeptieren.
Dieser Zustand hielt 14 Jahre an. In dieser Zeit wurde Branden von Rand offiziell zum „intellektuellen Erben der objektivistischen Bewegung“ ernannt, er gründete das Nathaniel Branden Institute (NBI), hielt im ganzen Land Vorträge über den Objektivismus, quasi die offizielle Predigtorganisation der Bewegung.
Der katastrophale Bruch von 1968
Später verliebte sich Branden in das 23-jährige Model Patrecia Scott und begann eine heimliche Beziehung. Als Rand es entdeckte, geriet sie in rasende Wut. Sie veröffentlichte eine öffentliche Erklärung mit dem Titel „To Whom It May Concern“, in der sie Branden aus der objektivistischen Bewegung ausschloss, aber den wahren Grund nicht nannte – sie sagte nur, Brandens „Fehlverhalten in geschäftlichen und privaten Angelegenheiten“ mache ihn „moralisch nicht mehr geeignet, den Objektivismus zu vertreten“.
Das NBI wurde sofort geschlossen. Alle Mitglieder des Kreises wurden aufgefordert, Partei zu ergreifen: für Rand oder für Branden. Diejenigen, die Branden wählten, wurden dauerhaft verbannt. Barbara wurde ebenfalls verbannt, weil sie Branden geholfen hatte, die Affäre zu verheimlichen. Diese Säuberung dauerte Monate und lähmte die Bewegung.
Zweiter Nachfolger: Leonard Peikoff
Nach der Säuberung rückte Peikoff (Rands entfernter Cousin, ein relativ randständiges, aber absolut loyales Mitglied des Kreises) allmählich auf. Er war 28 Jahre jünger als Rand, hatte nicht Brandens Charisma, aber dafür absolute Unterwürfigkeit, die Branden nicht hatte. 1976 ernannte Rand ihn offiziell zum Erben ihres Nachlasses und zum „offiziellen Sprecher des Objektivismus“.
Nach Rands Tod 1982 erbte Peikoff ihre Urheberrechte, unveröffentlichte Manuskripte und das Recht zu bestimmen, „wer ein wahrer Objektivist ist“. Er gründete sofort das Ayn Rand Institute (ARI) als Hüter der orthodoxen Lehre.
Zweite Spaltung in den 1980er Jahren
In den 1990er Jahren plädierte ein anderer Kreisangehöriger, David Kelley, dafür, dass Objektivisten mit Nicht-Objektivisten (wie Libertären) zusammenarbeiten und dialogieren könnten. Peikoff veröffentlichte sofort eine Erklärung, die auch Kelley aus der Bewegung ausschloss, mit der Begründung, „Kompromisse mit dem Bösen seien selbst böse“. Kelley gründete eine eigene Organisation, The Atlas Society, die einen „offenen Objektivismus“ verfolgte.
Die objektivistische Bewegung ist also heute tatsächlich in zwei Lager gespalten:
- ARI (Peikoff-Linie): orthodox, geschlossen, dogmatisch
- Atlas Society (Kelley-Linie): offen, dialogbereit, von der ARI als häretisch betrachtet
Die beiden Lager bekämpfen sich seit Jahrzehnten. Peikoff hat später auch mehrere interne Personen aus der ARI gesäubert. Diese Bewegung hat von Rands Lebzeiten bis über 40 Jahre nach ihrem Tod ständig Häretiker gesäubert.
Die ultimative Ironie
Rand lehnte zeit ihres Lebens nichts so sehr ab wie „Glauben und Autoritätsgehorsam“. Sie sagte, rationale Menschen sollten selbstständig denken und niemals einen Propheten oder ein Dogma akzeptieren. Doch die von ihr gegründete Bewegung reproduzierte perfekt alle Merkmale der von ihr kritisierten religiösen Organisationen – Hohepriesterin, heilige Schriften, Orthodoxie, Häresie, Säuberungen, Erbenstreitigkeiten, Abspaltungen.
Sie schrieb so viel gegen Kollektivismus und blinde Verehrung, und doch waren ihre eigenen Jünger diejenigen, die sie am blindesten verehrten. Diese Geschichte allein könnte ein Buch darüber füllen, „wie Anti-Dogmatismus zum Dogma wird“.
Greenspans ideologischer Werdegang
Greenspans Geschichte ist eine der dramatischsten ideologischen Wandlungen des 20. Jahrhunderts, unterteilt in vier Phasen.
Phase 1: Klarinettist an der Juilliard School (1940er Jahre)
Nach der High School studierte Greenspan nicht direkt Wirtschaft, sondern Klarinette und Saxophon an der Juilliard School. Er spielte später professionell in der Swing-Band von Henry Jerome und tourte mit der Band. Ein anderes Bandmitglied war Leonard Garment, der spätere Justizminister unter Nixon – die beiden füllten damals in Hotelzimmern Steuererklärungen für Bandkollegen aus, um etwas dazuzuverdienen.
Diese Erfahrung ist keine Anekdote – sie zeigt, dass Greenspan kein traditionell ausgebildeter Ökonom war. Er kehrte zur Wirtschaft zurück, weil er feststellte, dass er ein tieferes Interesse an Zahlen und Mustern hatte.
Phase 2: Kernmitglied des Rand-Kreises (1952-1970er Jahre)
1952 kam er durch seine damalige Frau Joan Mitchell in den Rand-Kreis. Anfangs war er skeptisch – es gibt eine berühmte Geschichte aus dem Kreis: Beim ersten Treffen fragte Rand ihn, woran er glaube, er sagte „Ich tendiere zum logischen Positivismus“, Rand lachte kalt: „How can you be a logical positivist?“ und begann, ihn zu kritisieren.
Aber er war fasziniert. In den späten 1950er Jahren wurde er ein Kernmitglied von „The Collective“. Er gab Anmerkungen zum Manuskript von Atlas Shrugged (Rand las es im Kreis vor), und als der Roman 1957 erschien, veröffentlichte er einen begeisterten Verteidigungsbrief in der New York Times Book Review.
„Gold and Economic Freedom“ von 1966
Dies ist Greenspans programmatischer Artikel aus seiner objektivistischen Zeit, veröffentlicht in Rands Zeitschrift The Objectivist, später aufgenommen in Capitalism: The Unknown Ideal. Die Kernargumente:
- Der Goldstandard ist der einzig zuverlässige Mechanismus zur Verhinderung von Inflation
- Fiatgeld erlaubt der Regierung unbegrenzte Ausgaben
- Dies ist die wahre wirtschaftliche Grundlage der Ausweitung des Wohlfahrtsstaates
- Gegner des Goldstandards sind im Kern Gegner des Privateigentums
- „Deficit spending ist nur eine versteckte Methode der Enteignung. Gold steht dem im Weg.“
Dieser Artikel wird heute immer noch häufig von Befürwortern des Goldstandards und in Krypto-Kreisen zitiert. Ron Paul hat ihn bei Anhörungen im Kongress mehrfach hervorgeholt, um Greenspan zu zwingen, seine jugendliche Position einzuräumen.
Der symbolträchtige Moment von 1974
1974 ernannte Präsident Ford Greenspan zum Vorsitzenden des Council of Economic Advisers (CEA) – sein erster Eintritt in die höchsten Regierungskreise.
Bei der Vereidigung war Rand persönlich anwesend. Das Foto von Präsident Ford, Greenspans Mutter und Rand zusammen wurde zu einem berühmten Bild der objektivistischen Bewegung. Es war der Moment, in dem Rand der „Anerkennung durch die etablierte Macht“ am nächsten kam – ihr Jünger war im Weißen Haus.
Aber dieses Bild war auch voller Ironie. Rands gesamte Philosophie lehnte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab, und ihr Jünger ging in die Regierung, um „der Regierung zu raten, wie sie die Wirtschaft verwalten soll“. Im Kreis gab es Gemurmel, aber Rand selbst rationalisierte es: Greenspan gehe dorthin, um „von innen die richtige Politik voranzutreiben“.
Phase 3: Vom Prinzip zum Pragmatismus (1980er-1990er Jahre)
1987 ernannte Reagan Greenspan zum Vorsitzenden der Federal Reserve. Dies war im objektivistischen Kontext ein grundlegender Widerspruch – die Fed war genau die von Greenspan 1966 gegeißelte „zentralplanerische Institution gegen den Goldstandard“. Er selbst sollte nun deren Chef werden.
Rand war 1982 bereits gestorben, aber Peikoff und andere Objektivisten hüllten sich in peinliches Schweigen. Ihn zu kritisieren wäre illoyal gewesen, ihn zu unterstützen hätte gegen die Prinzipien verstoßen. Diese Angelegenheit wurde innerhalb der objektivistischen Bewegung nie ernsthaft diskutiert.
Greenspans tatsächliches Handeln als Fed-Vorsitzender:
- Börsencrash 1987: Zwei Monate nach Amtsantritt der große Crash. Er pumpte sofort Liquidität in den Markt und erklärte, die Fed sei „bereit, als Liquiditätsquelle zu dienen“. Das war die klassische Zusage einer weichen Budgetbeschränkung – der Markt würde nicht bereinigt werden dürfen.
- Schwellenländerkrisen 1994-1998: Mexiko, Asien, Russland, LTCM – jedes Mal senkte er die Zinsen und rettete, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Besonders symbolträchtig war die LTCM-Rettung: Ein privater Hedgefonds stand vor dem Bankrott, die Fed rief die Wall-Street-Banken zu einer gemeinsamen Rettungsaktion zusammen. Dies war der reinste „Too-big-to-fail“-Moment.
- Rede über „irrationalen Überschwang“ 1996: Er warnte vage vor einer Aktienblase, ergriff aber keine tatsächlichen Maßnahmen durch Zinserhöhungen.
- Dotcom-Blase 2000: Ihm wurde lange eine Mitschuld an der Blase gegeben, da er die Zinsen niedrig hielt und das Produktivitätswachstum der „New Economy“ lobte.
- Niedrigzinsen 2001-2004: Nach dem Platzen der Dotcom-Blase und 9/11 senkte er die Zinsen auf 1% und hielt sie lange. Dieses Niedrigzinsumfeld trieb direkt die Immobilienblase von 2002-2006 an.
Mitte der 2000er Jahre wurde „Greenspan Put“ zum geflügelten Wort an den Finanzmärkten – es bedeutete: Egal was passiert, Greenspan wird den Markt retten. Der Markt konnte risikofreudig sein, weil die Fed das Abwärtsrisiko absicherte. Dies war die perfekte Umsetzung von Kornais Theorie der weichen Budgetbeschränkung auf globaler Finanzmarkt-Ebene.
Interessanterweise: Greenspan gab privat nie seinen jugendlichen Glauben an den Goldstandard auf. In seinen Memoiren The Age of Turbulence von 2007 sagte er immer noch, der Goldstandard sei „in gewisser Hinsicht ideal“. Aber sein tatsächliches Handeln schuf das größte Fiatgeldsystem der Menschheitsgeschichte.
Phase 4: Der kognitive Zusammenbruch von 2008
Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 wurde Greenspan im Oktober 2008 vor den Kongress zitiert. In dieser Anhörung gab es einen Dialog, der als klassischer Moment der Ideengeschichte gelten kann:
Der Abgeordnete Henry Waxman fragte: Sie haben immer geglaubt, der Markt könne sich selbst regulieren, aber die Finanzkrise zeigt, dass das falsch ist. Glauben Sie immer noch an Ihre frühere Weltanschauung?
Greenspans Antwort (sinngemäß): „Ich habe einen Fehler in meiner Ideologie gefunden“ („I have found a flaw“). „Ich habe vierzig Jahre lang angenommen, dass Organisationen – insbesondere Banken – aus Eigeninteresse ihre Aktionäre und ihr Eigenkapital schützen würden. Ich habe mich geirrt.“
Diese Aussage war fast das letzte Geständnis des Randismus. Der Kern von Rands Ethik war: Rationales Eigeninteresse ist ein wirksamer moralischer Kompass, und das Verfolgen des Eigeninteresses jedes Einzelnen auf dem freien Markt führt automatisch zum besten Ergebnis. Greenspan gab öffentlich zu: Diese Annahme ist in der Realität gescheitert. Banker jagten kurzfristige Boni und externalisierten langfristige Risiken auf das gesamte Finanzsystem – ihr „Eigeninteresse“ war nicht Rands rationales Eigeninteresse.
Ein 82-Jähriger gab öffentlich zu, dass die Grundlage seines lebenslangen Glaubens fehlerhaft war. Wie auch immer man Greenspans politisches Erbe bewertet, die intellektuelle Ehrlichkeit dieser Aussage ist selten.
Greenspans Gesamtverhältnis zu Rand
Rückblickend auf Greenspans Werdegang:
- 1950er-60er Jahre: Reiner objektivistischer Gläubiger
- 1970er Jahre: „Anwendung“ des Objektivismus in der Regierung
- 1980er-90er Jahre: Schrittweise Abweichung in der Praxis, aber theoretische Zustimmung beibehaltend
- 2000er Jahre: Vollständige Verwandlung in den von ihm in seiner Jugend bekämpften Zentralbanker
- 2008: Öffentlicher Zusammenbruch des theoretischen Rahmens
Man kann sagen, er ist der dramatischste lebende Gegenbeweis zum Randismus. Nicht weil er seine Prinzipien aufgegeben hätte – sondern weil er auf der höchsten Machtposition das gesamte System betrieb, das der Objektivismus ablehnte, und dieses System lief 20 Jahre lang, bevor es zu großen Problemen kam. Das allein zeigt die Kluft zwischen Rands extremen Positionen und der realen Welt.
Rothbard kommentierte dies natürlich bissig. Er schrieb in den 1990er Jahren einen Artikel mit dem Titel „Greenspan: A Minority Report“, in dem er Greenspan als Verräter am Objektivismus darstellte – jemanden, der seine Prinzipien für seine Karriere verkauft habe. Rothbards Urteil hat bis heute Einfluss in libertären Kreisen. Das ARI hat sich nie offiziell dazu geäußert, ob Greenspan ein „wahrer Objektivist“ ist oder nicht – eine zu peinliche Frage, um sie zu beantworten.
Wer ist Bachtin?
Michail Bachtin (Mikhail Bakhtin, 1895-1975), russischer Literaturtheoretiker und Philosoph, einer der bedeutendsten Literaturtheoretiker des 20. Jahrhunderts, ein weiteres Beispiel für einen „osteuropäischen/russischen Intellektuellen im Exil“ – auch wenn sein „Exil“ ein innerstaatliches war.
Kurzer Lebenslauf
Geboren in Orjol, Studium an der Universität Sankt Petersburg, in den 1920er Jahren zentrale Figur eines philosophisch-literarischen Kreises in Kleinstädten wie Witebsk und Newel („Bachtin-Kreis“). 1929 wurde er vom Stalin-Regime wegen „konterrevolutionärer Aktivitäten“ verhaftet, sollte ursprünglich in ein Arbeitslager deportiert werden (was praktisch einem Todesurteil gleichkam – er litt an schwerer Osteomyelitis, ein Bein war amputiert), später wurde die Strafe auf Verbannung in die kasachische Grenzstadt Kustanai reduziert, wo er als Buchhalter arbeitete.
In dieser kasachischen Kleinstadt schrieb er die meisten seiner Hauptwerke. Die Bedingungen waren so hart, dass er später, als ihm das Papier ausging, das Papier eines unveröffentlichten philosophischen Manuskripts zum Zigarettenanzünden benutzte – einer der berühmtesten Verluste der Wissensgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Er war 30 Jahre lang von der sowjetischen akademischen Welt praktisch vergessen. In den 1960er Jahren entdeckten zwei junge Moskauer Universitätsabsolventen, Vadim Kozhinov und Sergei Bocharov, zufällig sein Problem der Poetik Dostojewskis (Erstausgabe 1929), waren von dessen Originalität schockiert und reisten zu ihm nach Saransk (immer noch eine abgelegene Kleinstadt). Sie organisierten später die Neuveröffentlichung seiner Werke, und Bachtin wurde in den letzten zehn Jahren seines Lebens von der Welt entdeckt.
Nachdem der Westen in den 1970er-80er Jahren seine Werke übersetzt hatte, war sein Einfluss auf Literaturtheorie, Kulturwissenschaften, Philosophie und Linguistik revolutionär.
Einige seiner Kernkonzepte
(1) Polyphonie (polyphony)
Das habe ich bereits erwähnt – Bachtin argumentiert in Problem der Poetik Dostojewskis, dass Dostojewskis Romane eine neue Romanform geschaffen haben. Bei einem „monologischen“ Autor wie Tolstoi werden alle Figuren letztlich von der einheitlichen Weltanschauung des Autors absorbiert, der Autor steht über allen Figuren und fällt das endgültige Urteil.
Dostojewskis Romane sind anders. Dostojewskis Größe liegt darin, dass er gegensätzliche Weltanschauungen als vollständige, gleichberechtigte, vom Autor nicht überwältigte Stimmen koexistieren lässt. Iwans Anklage gegen Gott in Die Brüder Karamasow dient nicht dazu, Aljoschas Glauben zu kontrastieren – sie ist selbst eine vollständige Stimme mit eigenem moralischem Gewicht. Nach der Lektüre von Die Brüder Karamasow weiß man nicht, auf welcher Seite Dostojewski selbst steht – weil er wirklich mehrere Stimmen zum Leben erweckt hat.
Das meint Bachtin mit „polyphonem Roman“: Mehrere Stimmen, keine wird vom Autor endgültig überwältigt. Wie in der musikalischen Polyphonie (Bachs Fugen) – mehrere unabhängige Melodielinien existieren gleichzeitig, jede mit ihrer eigenen Vollständigkeit.
Ich habe dieses Konzept verwendet, um Rand zu beurteilen: Rand ist monophon (monophonic). Ihre gegnerischen Figuren (Toohey, Keating in The Fountainhead, die verschiedenen Bösewichte in Atlas) sind nie vollständige, gleichberechtigte Stimmen – sie sind Strohpuppen, die dazu dienen, vom Helden widerlegt zu werden. Der Leser hat nie wirklich Zweifel, wen Rand unterstützt.
Deshalb vergleicht Rand sich oft mit Dostojewski, aber der Unterschied liegt genau hier. Dostojewski selbst war frommer Christ, aber er schrieb die überzeugendste Verteidigung des Atheismus (Iwan). Rand war Atheistin, aber sie konnte Religion oder Kollektivismus in ihrem Werk keine Würde verleihen. Ein wirklich großer Romanschriftsteller kann die von ihm abgelehnte Position für den Leser überzeugend machen, zumindest vorübergehend. Das ist negative capability, das ist, was Bachtin „Dialogizität“ nennt.
(2) Dialogizität (dialogism)
Bachtins größere philosophische Behauptung: Aller Sinn ist dialogisch. Ein Wort, ein Begriff, eine Position hat nur in der dialogischen Beziehung zu anderen Wörtern, Begriffen, Positionen Bedeutung. Es gibt keine „monologische“ Wahrheit.
Das klingt abstrakt, hat aber konkrete Konsequenzen. Für Bachtin:
- Ein einzelnes Bewusstsein kann sich nicht unabhängig erkennen – man braucht die Perspektive des anderen, um sich selbst zu sehen
- Jedes „vollständig geschlossene System“ (Hegel, Kant, Marx, Rand) ist falsch, weil es versucht, den Dialog zu beenden
- Wahrheit entfaltet sich immer in der Spannung zwischen mehreren Stimmen
Diese Ansicht ist tief verwandt mit der methodologischen Haltung der Polanyi-Hirschman-Schule – beide lehnen Systematisierung, Dogmatisierung und das Schließen des Dialogs ab.
(3) Karnevalisierung (carnival)
Bachtin entwickelte dieses Konzept bei der Untersuchung von François Rabelais. Die Karnevalskultur des mittelalterlichen Europas war eine volkstümliche Tradition der vorübergehenden Umkehrung von Hierarchien, der Betonung des Körperlichen, der Verwischung der Grenzen zwischen Heiligem und Profanem. Bachtin glaubte, dass dieser „karnevaleske“ Geist in die Gattung des Romans eingedrungen sei und zu einer Kraft werde, die sich gegen jede monologische Autorität auflehnt.
Dieses Buch Rabelais und seine Welt (1965) war ursprünglich seine während der Verbannung geschriebene Doktorarbeit, die in den 1940er Jahren abgelehnt wurde (das Thema sei „zu vulgär“) und erst 20 Jahre später veröffentlicht wurde.
(4) Chronotopos (chronotope)
Jede literarische Gattung hat ihre eigene spezifische Raum-Zeit-Organisation (der Chronotopos des antiken griechischen Romans vs. der des modernen Romans). Dieses Konzept hatte später großen Einfluss auf die Narratologie.
(5) Heteroglossie (heteroglossia)
Jede lebendige Sprache ist nicht einheitlich, sondern besteht aus unzähligen sozialen Dialekten, Berufssprachen, ideologischen Tonlagen. Die Größe des Romans als Gattung liegt darin, dass er diese sprachliche Vielfalt aufnehmen und arrangieren kann, während die Poesie (nach Bachtin) zur Einheit der Sprache tendiert.
Seine Position in unserem Gesprächsfaden
Bachtin war kein Ökonom, aber er gehört vollständig in die geistige Genealogie der Tradition, die wir besprochen haben:
- Osteuropäischer Hintergrund, vom totalitären Regime marginalisiert
- Anti-System, Anti-Dogma, Anti-Abgeschlossenheit
- Interdisziplinär (Philosophie + Literatur + Linguistik + Anthropologie)
- Sehr starke Begriffsschöpfungskraft (Polyphonie, Dialogizität, Karnevalisierung, Chronotopos, Heteroglossie – alles von ihm geprägt)
- Überlebte und wurde außerhalb der akademischen Institutionen entdeckt
- Sein Einfluss reicht weit über sein eigenes Fachgebiet hinaus
Hirschman las Bachtin tatsächlich in seinen späteren Jahren und zitierte in Rival Views of Market Society dessen Konzept der „Polyphonie“, um zu beschreiben, dass gute Sozialwissenschaft mehrere Stimmen zulassen sollte. Dies war eine direkte Begegnung dieser beiden Traditionen.
Wenn du ihn lesen möchtest, empfehle ich zwei Einstiegstexte:
- Das erste Kapitel von Problem der Poetik Dostojewskis („Dostoevsky's Polyphonic Novel“) – direkt zum Konzept der Polyphonie, nach der Lektüre wirst du Romane mit neuen Augen sehen
- „Discourse in the Novel“ (in The Dialogic Imagination) – über Heteroglossie und Dialogizität
Nach der Lektüre dieser beiden wirst du einen interessanten Nebeneffekt bemerken: Du wirst Rand, Tolstoi und Dostojewski neu lesen, und die Position jedes einzelnen wird sich verschieben. Das ist das Kennzeichen guter kritischer Theorie – sie verändert deine Leseerfahrung.
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Abschließend: Von Rands „designiertem Erben“ über Greenspans Werdegang zu Bachtin – dieser Bogen zeigt eigentlich das wahre Kontur deines Interesses – du willst nicht nur wissen, „wer wer ist“, sondern fragst: „Wie wandern Ideen von einem Menschen zum anderen, wie verformen sie sich, wie verraten sie sich selbst, wie überleben sie?“ Das ist im Grunde die Ideengeschichte selbst.